Herzog Georg II.    1826 - 1914
und die theatralische Sendung der Meininger
 
aus: Stefan Etzel:"Die Rhön" >>>>>>> Rhön-Blog zum Wanderführer


Von dem anmutigen Residenzstädtchen Meiningen am Südostrand der Rhön ging eine Theaterrevolution aus, deren Anführer der regierende Herzog war!

Georg II. von Sachsen-Meiningen war der geistig herrausragende Regent unter den Fürsten des 2. deutschen Kaiserreiches, ein Künstler auf dem Thron, ohne ein Träumer wie sein zeitweiliger bayerischer Nachbar Ludwig II. zu sein. Klug und mit starker Hand formte er sein Ländchen zum "liberalen Musterstaat" - und war im "Nebenberuf" als Begründer des modernen Regietheaters der herausragende Theater-Regisseur der Bismarckzeit.

War bis dahin das virtuose Spiel eines "Stars" Quintessenz einer Theateraufführung gewesen, so ging es Georg darum, der "Absicht des Dichters" möglichst authentischen Ausdruck zu verleihen.
Sein "revolutionäres" Mittel dazu war das Ensemble-Spiel: Die Schauspieler hatten sich ganz der Diktion des Stückes unterzuordnen und noch in der kleinsten Rolle im Dienste des Gesamtkunstwerkes zu glänzen. Selbst die größten Stars waren vertraglich verpflichtet - wollten sie den "Meiningern" angehören -, auch in der Komparserie mitzuwirken. Wer gestern noch den Othello gegeben hatte, hatte morgen in einem anderen Stück vielleicht "nur" einen Marktkrämer darzustellen. doch so brillant, daß eine Volksszene Profil bekam.

Als Regisseur glänzte der Regent in der Massenregie. Die Meininger waren berühmt für ihre großen Menschenaufzüge, "Stimmung machen" war eines der Geheimnisse ihrer Ensemble-Kunst. Bei den Proben kam es Georg auf die "Einfühlung in die Figur" an, um die Tönung der Sprache, den "Lokalton" eines historischen Dramas, "den Märchenduft einer romantischen Komödie" zum Ausdruck zu bringen. Was die Zeitgenossen begeisterte, war "die Lebenswahrheit, die Bewegung und Wuchtigkeit der Volksszenen, das Anschwellen der revolutionären Hochflut, die Pracht der Aufzüge, die historische Treue der Ausstattung und Gewandung".

Dies war das zweite Markenzeichen der Meininger. Georg entwarf eigenhändig die Kostüme und Requisiten nach gründlichem Quellenstudium, war also nicht nur Dramaturg und Regisseur, sondern auch Ausstattungsleiter seines Theaters. Für das Bühnenbild zu Shakespeares "Julius Cäsar", dem Paradestück der Meininger, zog er beispielsweise die jüngsten archäologischen Befunde heran, um das Forum Romanum möglichst wirklichkeitsgetreu darzustellen.

Heinrich Schliemann hatte gerade Troja ausgegraben und eine ungeheuere Begeisterung für die Antike geweckt. Eine fast perfekte Illusion römischer Wirklichkeit zu erleben, solche Fenster in die Vergangenheit geöffnet zu bekommen, das war es, weswegen man die Meininger liebte.

Es war ja die Zeit des "Historismus". Im Baustil entdeckte man romanische und gotische Vorbilder, in der Malerei standen "historische Schinken" hoch im Kurs. In diese Richtung gingen auch die Inszenierungen Georgs, der jedoch nie den Inhalt hinter die Form zurücktreten ließ, im Gegensatz zur "Meiningerei" mancher Epigonen.

Der neue, auf Visualisierung zielende Theaterstil verbreitete sich nämlich rasant. Ausschlaggebend dafür war die "Propagandaidee" Georgs, das Meininger Hoftheater - eigentlich ja nur eine Provinzbühne -, von 1874 an jährlich auf Tournee durch Deutschland und Europa zu schicken, um den neuen Stil zu propagieren. Der Publikumserfolg der über 2.500 Gastspiel-Aufführungen war so durchschlagend, daß das "Meiningertum" im Handumdrehen auf alle deutschen Bühnen übersprang. Als der Herzog seine Kunstmission erfüllt sah, stellte er die Gastspielreisen 1890 ein.

Zufällig war es das Jahr von Bismarcks Entlassung durch den jungen Kaiser Wilhelm II. und der Beginn einer Ära, die dem Meininger Herzog höchst suspekt und unseriös erschien. Das böse Ende des Wilhelminismus blieb ihm erspart, denn der seit 1866 regierende Mahner gegen Militarismus und Ausbeutung fremder Völker starb 88-jährig wenige Wochen vor Ausbruch des ersten Weltkrieges. Der Tag seiner Beisetzung war jener 28. Juni 1914, der mit dem Attentat von Sarajewo in die Geschichte einging.

Wenn man ihn heute nur noch als "Theaterherzog" kennt, sei nicht vergessen, daß Georg auch in seinem Hauptberuf als Regent die Regie zum Wohle des Ganzen zu führen suchte. Durchaus ein Mann des Law-and-order-Prinzips und auf seinen "gottgegebenen" Vorteil bedacht, war Georg doch zugleich ein liberaler Konservativer, der nicht nur das Verwaltungs-, Schul- und Gesundheitswesen auf einen vorbildlichen Stand brachte, sondern sein kleines Land auch konsequent zum Rechtsstaat entwickelte. "Seine tolerante Haltung gegenüber ihm widerstrebenden politischen Strömungen hatte ihm Beifall, sein konsequentes Eintreten gegen inhumane geistige Bewegungen allenthalben Respekt eingebracht".
 

Dieses Zitat stammt aus:
Erck, Alfred / Schneider, Hannelore: Georg II. von Sachsen-Meiningen. Ein Leben zwischen ererbter Macht und künstlerischer Freiheit; Zella-Mehlis/Meiningen 1997 (Heinrich-Jung-Verlagsgesellschaft)

Dieses großartige Buch sei zur Vertiefung empfohlen (Titelbild s. Seitenanfang )

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