von Stefan Etzel (aus: Rhönwanderbuch)
In
dem am 21. April 1488 auf Burg Steckelberg am Rande der Südwestrhön
(Bergwinkel) geborenen
Reichsritter Ulrich von Hutten scheint der vulkanische Urgrund
der Rhön Menschengestalt angenommen zu haben:
Keiner
der führenden Männer der Reformationszeit hat so feurig,
geistsprühend, witzig und sprachlich brillant die Mißstände
der Epoche aufs Korn genommen wie dieses Rhöner Urgestein.
Der Zorn als
Hebamme seiner dichterischen Begabung förderte jene Glanzlichter
politischer Agitation zu Tage, mit welchen Hutten entscheidend
an der Schaffung eines Rom-feindlichen Klimas am Vorabend der
Reformation beitrug.
Ohne Huttens
propagandistische Einstimmung der öffentlichen Meinung hätten
Luthers Ideen wohl ein geringeres Echo erfahren, und in den für
die Reformation so entscheidenden Monaten des Jahres 1521 stand
neben Luther vor allem Hutten im Zentrum des allgemeinen Bewußtseins,
der seinem Namen den Zusatz "ex buchonia" anfügte, aus dem
Buchenlande also, wie die Rhön damals noch hieß.
Hutten
nahm allein schon als Ritter und zugleich Humanist eine
Sonderstellung ein, war doch diese Kombination anfangs des 16.
Jahrhunderts durchaus ungewöhnlich.
In den Augen
des Adels nämlich verlor einer der ihren seine Würde,
wenn er sich mit den neuen Wissenschaften abgab, wenn es nicht
gar als Verrat an den Idealen der Ahnen angesehen wurde.
Zugleich aber
sind Huttens politischen Ziele - Befreiung Deutschlands von römischer
Bevormundung und Errichtung eines weltlichen Staates unter Mitwirkung
der Ritterschaft - auch im Zusammenhang mit der Krise des Rittertums
zu sehen, das in jenen Jahren gegen seinen gesellschaftlichen
Untergang kämpfte.
"O
Jahrhundert, o Wissenschaft!", rief Hutten,
"es ist eine
Lust zu leben. Die Studien blühen, die Geister regen sich.
Barbarei, nimm dir einen Strick und mach' dich auf Verbannung
gefaßt!" Mit polemischem Witz nahm Hutten zunächst
die Schulgelehrten auf den Arm, bald hatte er die römische
Kirche im Visier.
Die
ihm gemäße Ausdrucksform fand Hutten im Dialog, dem
Streitgespräch, das er zur schärfsten Waffe der
reformatorischen Agitation entwickelte.
Als
Lateinschriftsteller Übertraf Hutten in Deutschland niemand
- 1517 wurde er von Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt
-, hinzu kam sein Talent zu Satire und plakativer Vereinfachung,
was seinen Schriften ihre propagandistische Brisanz verlieh.
In
der antipäpstlichen Haltung traf sich Hutten mit Luther,
von dem er freilich erst Notiz nimmt, als er in der Reformationsbewegung
ein Vehikel zur Umsetzung seiner politischen Ziele erkennt. Als
Hutten versucht, Kaiser, Fürsten und Städte zum militärischen
Kampf gegen die Kirche aufzustacheln, distanziert sich Luther:
"Daß mit Gewalt und Mord für das Evangelium gestritten
wird, möchte ich nicht".
In
seinem Kampf gegen Rom wird Hutten zum Wegbereiter deutschen
Nationalbewußtseins.
Als Lichtgestalt
hatte er beim Studium des Tacitus den cheruskischen Heerführer
Arminius ausgemacht, der fünfzehnhundert Jahre zuvor das
weitere Vordringen der Römer in Germanien gestoppt hatte.
In seinem Arminius-Dialog
spielt Hutten auf die Parallelität zwischen altem und neuem
Rom an und feiert Hermann den Cherusker als "Freiesten, Unüberwindlichsten
und Deutschesten" unter allen Tyrannenmördern und Vaterlandsbefreiern.
Hiermit
begründete Hutten den Arminius-Kult in Deutschland, der sich
in zahlreichen Dramen, Romanen und Opern niederschlug und 1875
im Hermannsdenkmal auf dem Teutoburger Wald gipfelte.
Tatsächlich
waren die Deutschen das Hauptopfer des kirchlichen Ausbeutungsapparates
(nach heutiger Schätzung flossen etwa 40% des Nationaleinkommens
nach Rom) und Hutten suchte, eine nationale Erhebung gegen die
römische Hydra anzuzetteln.
Aus diesem Grunde
begann er nicht nur Deutsch zu schreiben, um eine größere
Breitenwirkung zu erzielen, sondern versuchte auch, Kaiser und
Fürsten dazu zu bewegen, sich an die Spitze einer "nationalen"
Befreiungsbewegung zu stellen.
Als Basis der
militärischen Macht schwebte Hutten ein stehendes Heer vor
- womit sich die Kluft im Wesen des Ritters und Humanisten schließt:
Ein solches für die politischen Ziele des deutschen Humanismus
kämpfendes Heer wäre nämlich ideales Auffangbecken
und Versorgungsanstalt für die Ritterschaft gewesen, den
zwischen Volk und Fürsten stehenden niederen Adel, der durch
die aufkommenden Feuerwaffen innerhalb weniger Jahrzehnte militärisch,
politisch, wirtschaftlich und sozial an den Rand der Gesellschaft
gedrängt worden war.
Als
der Kaiser sich für Rom entschied und Luther als Ketzer ächtet,
zettelt Hutten in blindem Aktionismus eine Reihe kleinerer, als
"Pfaffenkrieg" bekannt gewordener Fehden an, ohne dadurch die
erhoffte Initialzündung für einen allgemeinen Aufstand
gegen das Kirchenregime auslösen zu können.
Als sein Schutzherr
Franz von Sickingen in der "Trierer Fehde" unterliegt, dem letzten
Versuch des sterbenden Ritterstandes, sich Geltung zu verschaffen,
flieht Hutten im November 1522 in die Schweiz.
Seit
fünfzehn Jahren schon - während seiner gesamten Schaffenszeit
- litt Hutten an Syphilis, über deren Kur er das erste medizinisch
ernst zu nehmende Buch schrieb. Neun Monate später stirbt
der mit der Feder kämpfende Ritter - von humanistischen Freunden
verlassen und von einem katholischen Priester gepflegt - auf der
Insel Ufenau im Zürichsee und hinterläßt nichts
als seine Schreibfeder.
"Ich
habs gewagt mit Sinnen und trag des noch kein Reu", so beginnt
Hutten sein letztes großes Gedicht, in welchem sich mit
melancholischem Unterton das Wissen um sein Scheitern ausdrückt.
An keiner der
großen deutschen Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts
haben sich die Geister so geschieden wie an ihm. Jede Epoche und
jede Ideologie hat sich aus dem widerspruchsvollen Wesen dieses
wohl bedeutendsten Rhöners die Facette ausgesucht, die ins
jeweilige Konzept paßte, weswegen es bis heute kein gültiges
Huttenbild gibt.
Burschenschafter
und Sozialdemokraten nahmen den emanzipatorischen Hutten für
sich in Anspruch, die Nazis vereinnahmten ihn als "Lichtträger
des Nordens".
Als
reinster Spiegel seines Wesens - und der Landschaft, der er entstammte
- mag jenes Hutten-Wort gelten, welches inoffizielles Motto der
kalifornischen Stanford University wurde: "Die Luft der Freiheit
weht".
Warum
dem so ist, können Sie hier nachlesen: Die
Luft der Freiheit weht (Rede des Rektors der Stanford University;
English, 1995)
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