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    Ulrich von Hutten  (1488-1523)

    Ritter, Humanist und Rebell aus der Rhön

    von Stefan Etzel (aus: Rhönwanderbuch)

     

    Ulrich von HuttenIn dem am 21. April 1488 auf Burg Steckelberg am Rande der Südwestrhön (Bergwinkel) geborenen Reichsritter Ulrich von Hutten scheint der vulkanische Urgrund der Rhön Menschengestalt angenommen zu haben:

    Keiner der führenden Männer der Reformationszeit hat so feurig, geistsprühend, witzig und sprachlich brillant die Mißstände der Epoche aufs Korn genommen wie dieses Rhöner Urgestein.
    Der Zorn als Hebamme seiner dichterischen Begabung förderte jene Glanzlichter politischer Agitation zu Tage, mit welchen Hutten entscheidend an der Schaffung eines Rom-feindlichen Klimas am Vorabend der Reformation beitrug.
    Ohne Huttens propagandistische Einstimmung der öffentlichen Meinung hätten Luthers Ideen wohl ein geringeres Echo erfahren, und in den für die Reformation so entscheidenden Monaten des Jahres 1521 stand neben Luther vor allem Hutten im Zentrum des allgemeinen Bewußtseins, der seinem Namen den Zusatz "ex buchonia" anfügte, aus dem Buchenlande also, wie die Rhön damals noch hieß. 

    Hutten nahm allein schon als Ritter und zugleich Humanist eine Sonderstellung ein, war doch diese Kombination anfangs des 16. Jahrhunderts durchaus ungewöhnlich.
    In den Augen des Adels nämlich verlor einer der ihren seine Würde, wenn er sich mit den neuen Wissenschaften abgab, wenn es nicht gar als Verrat an den Idealen der Ahnen angesehen wurde.
    Zugleich aber sind Huttens politischen Ziele - Befreiung Deutschlands von römischer Bevormundung und Errichtung eines weltlichen Staates unter Mitwirkung der Ritterschaft - auch im Zusammenhang mit der Krise des Rittertums zu sehen, das in jenen Jahren gegen seinen gesellschaftlichen Untergang kämpfte. 

    "O Jahrhundert, o Wissenschaft!", rief Hutten,
    "es ist eine Lust zu leben. Die Studien blühen, die Geister regen sich. Barbarei, nimm dir einen Strick und mach' dich auf Verbannung gefaßt!" Mit polemischem Witz nahm Hutten zunächst die Schulgelehrten auf den Arm, bald hatte er die römische Kirche im Visier.

    Die ihm gemäße Ausdrucksform fand Hutten im Dialog, dem Streitgespräch, das er zur schärfsten Waffe der reformatorischen Agitation entwickelte.

    Als Lateinschriftsteller Übertraf Hutten in Deutschland niemand - 1517 wurde er von Kaiser Maximilian zum Dichter gekrönt -, hinzu kam sein Talent zu Satire und plakativer Vereinfachung, was seinen Schriften ihre propagandistische Brisanz verlieh.

    In der antipäpstlichen Haltung traf sich Hutten mit Luther, von dem er freilich erst Notiz nimmt, als er in der Reformationsbewegung ein Vehikel zur Umsetzung seiner politischen Ziele erkennt. Als Hutten versucht, Kaiser, Fürsten und Städte zum militärischen Kampf gegen die Kirche aufzustacheln, distanziert sich Luther: "Daß mit Gewalt und Mord für das Evangelium gestritten wird, möchte ich nicht".

    In seinem Kampf gegen Rom wird Hutten zum Wegbereiter deutschen Nationalbewußtseins.
    Als Lichtgestalt hatte er beim Studium des Tacitus den cheruskischen Heerführer Arminius ausgemacht, der fünfzehnhundert Jahre zuvor das weitere Vordringen der Römer in Germanien gestoppt hatte.
    In seinem Arminius-Dialog spielt Hutten auf die Parallelität zwischen altem und neuem Rom an und feiert Hermann den Cherusker als "Freiesten, Unüberwindlichsten und Deutschesten" unter allen Tyrannenmördern und Vaterlandsbefreiern.

    Hiermit begründete Hutten den Arminius-Kult in Deutschland, der sich in zahlreichen Dramen, Romanen und Opern niederschlug und 1875 im Hermannsdenkmal auf dem Teutoburger Wald gipfelte.

    Tatsächlich waren die Deutschen das Hauptopfer des kirchlichen Ausbeutungsapparates (nach heutiger Schätzung flossen etwa 40% des Nationaleinkommens nach Rom) und Hutten suchte, eine nationale Erhebung gegen die römische Hydra anzuzetteln.
    Aus diesem Grunde begann er nicht nur Deutsch zu schreiben, um eine größere Breitenwirkung zu erzielen, sondern versuchte auch, Kaiser und Fürsten dazu zu bewegen, sich an die Spitze einer "nationalen" Befreiungsbewegung zu stellen.
    Als Basis der militärischen Macht schwebte Hutten ein stehendes Heer vor - womit sich die Kluft im Wesen des Ritters und Humanisten schließt: Ein solches für die politischen Ziele des deutschen Humanismus kämpfendes Heer wäre nämlich ideales Auffangbecken und Versorgungsanstalt für die Ritterschaft gewesen, den zwischen Volk und Fürsten stehenden niederen Adel, der durch die aufkommenden Feuerwaffen innerhalb weniger Jahrzehnte militärisch, politisch, wirtschaftlich und sozial an den Rand der Gesellschaft gedrängt worden war.

    Als der Kaiser sich für Rom entschied und Luther als Ketzer ächtet, zettelt Hutten in blindem Aktionismus eine Reihe kleinerer, als "Pfaffenkrieg" bekannt gewordener Fehden an, ohne dadurch die erhoffte Initialzündung für einen allgemeinen Aufstand gegen das Kirchenregime auslösen zu können.
    Als sein Schutzherr Franz von Sickingen in der "Trierer Fehde" unterliegt, dem letzten Versuch des sterbenden Ritterstandes, sich Geltung zu verschaffen, flieht Hutten im November 1522 in die Schweiz.

    Seit fünfzehn Jahren schon - während seiner gesamten Schaffenszeit - litt Hutten an Syphilis, über deren Kur er das erste medizinisch ernst zu nehmende Buch schrieb. Neun Monate später stirbt der mit der Feder kämpfende Ritter - von humanistischen Freunden verlassen und von einem katholischen Priester gepflegt - auf der Insel Ufenau im Zürichsee und hinterläßt nichts als seine Schreibfeder.

    "Ich habs gewagt mit Sinnen und trag des noch kein Reu", so beginnt Hutten sein letztes großes Gedicht, in welchem sich mit melancholischem Unterton das Wissen um sein Scheitern ausdrückt.
    An keiner der großen deutschen Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts haben sich die Geister so geschieden wie an ihm. Jede Epoche und jede Ideologie hat sich aus dem widerspruchsvollen Wesen dieses wohl bedeutendsten Rhöners die Facette ausgesucht, die ins jeweilige Konzept paßte, weswegen es bis heute kein gültiges Huttenbild gibt. Burschenschafter und Sozialdemokraten nahmen den emanzipatorischen Hutten für sich in Anspruch, die Nazis vereinnahmten ihn als "Lichtträger des Nordens".

    Als reinster Spiegel seines Wesens - und der Landschaft, der er entstammte - mag jenes Hutten-Wort gelten, welches inoffizielles Motto der kalifornischen Stanford University wurde: "Die Luft der Freiheit weht".

    Warum dem so ist, können Sie hier nachlesen: Die Luft der Freiheit weht (Rede des Rektors der Stanford University; English, 1995)

       


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Um 1500 hatte der Humanismus als literarisch-pädagogische Bildungsbewegung fast alle europäischen Universitäten erobert und stellte im Gesamtrahmen der Renaissance den ideologischen Überbau der immer mehr um sich greifenden Verweltlichung dar. Statt wie die mittelalterliche Scholastik Erziehung und Bildung auf eine Heilserwartung im Jenseits hin zu orientieren, stellte der Humanismus das Diesseits in den Vordergrund. Freie geistige Entfaltung und Vervollkommnung des Menschen aus eigener Kraft wird Bildungsziel. "Humane" (auf den Menschen) statt theologische (auf Gott) bezogene Bildung wird angestrebt mittels Studium der klassischen antiken Literatur. Amerika war gerade entdeckt worden, das Zeitalter der Entdeckungen und Erfindungen brach an, in einer großen Aufbruchsstimmung endete das Mittelalter und die Neuzeit begann.