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Athanasius Kircher 1602-1680

Ein barocker Universalgelehrter aus der Rhön  

Stefan Etzel
1.7.08

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Rhön-Blog
     
    Athanasius KircherNimmt es Wunder, daß der erste Forscher, der sich aus wissenschaftlicher Neugierde in den Krater eines Vulkans wagte, ein Rhöner war? 
    1637/38 erlebte der Jesuitenpater Athanasius Kircher aus Geisa im Ulstertal auf einer Reise mit dem hessischen Landgrafen durch Süditalien das Aufbrodeln der "Unterirdischen Welt", so der Titel eines seiner späteren Werke: Auf Sizilien waren sie Augenzeugen, als Ätna und Stromboli ausbrachen, gerieten in Kalabrien in das schwerste Erdbeben seit Menschengedenken, sahen den Untergang der Insel St. Euphemia. Als die Reisegesellschaft Neapel erreichte, drohte auch der Vesuv auszubrechen. Eilends erklomm der 35-jährige Forscher den Berg und seilte sich mit unerschütterlichem Gottvertrauen in den Krater des rumorenden Vulkans ab, um sich sein eigenes Bild zu machen.

    Mundus subterraneusDas lag im Trend der Zeit. Die Wissenschaften emanzipierten sich gerade von kirchlich-religiösen Dogmen und suchten nach vernunftgemäßen Methoden der Welterklärung. Eigene Beobachtung sollte zur Erkenntnis allgemeiner Naturgesetze führen. Mikroskop und Fernrohr hatten gerade die beobachtbare Welt weit über ihre bisherigen Grenzen hinaus erweitert, Mikrokosmos und Makrokosmos waren die großen Themen der Zeit.

    In dieser Situation war Kircher - der vor den Wirren des Dreißigjährigen Krieges aus Deutschland geflohen war - 1633 als Professor für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen an die Jesuitenuniversität nach Rom berufen worden. Anders als viele Kollegen, die sich dem einsetzenden Spezialistentum verschrieben, blieb Kircher Universalwissenschaftler alter Schule, den buchstäblich alles interessierte, was sich zwischen Himmel und Erde als Gottes Schöpfung offenbart. Besonders faszinierte ihn das Wirken unsichtbarer Kräfte und er betrat die Bühne der wissenschaftlichen Welt mit einer Arbeit über den Magnetismus, in welchem er jene Kraft erkannte, die die Welt im Innersten zusammenhält. Im magnetischen Dualismus sah Kircher das Universalprinzip, mit dessen Hilfe sich durch Analogiebildungen die gesamte Erscheinungswelt erschließen ließe. Von der praktischen Anwendung des Magnetismus auf den verschiedensten Gebieten der Technik kommt Kircher auf dessen Wirken in Flora, Fauna und Sternenwelt und spannt den Bogen bis hin zu den polaren Spannungen in Musik und Liebe, um schließlich Gott als den zentralen Magneten des Universums zu bestimmen, den "Universalen Magier", in welchem sich die Bipolarität aller Dinge in der Vollkommenheit einer die Gegensätze versöhnenden Harmonie auflöst.

    Während der folgenden Jahrzehnte errichtete Kircher sein wahrhaft barockes Gedankengebude, in welchem er das gesamte Wissen seiner Zeit zu verarbeiten suchte, das er in über dreißig reich bebilderten Folianten darstellte, die das Nachschlagewerk des 17. Jahrhunderts schlechthin waren. Daß sich hierin exakte Naturerkenntnis mit magisch-mystischen Spekulationen paarte, entsprach dem zeitgenössischen Kenntnisstand. So lehnte Kircher den Glauben der Alchemisten an den Einfluß der Gestirne auf chemische Prozesse ab - da die Natur immer gleich wirke -, glaubte mit den meisten seiner Zeitgenossen aber zugleich an die buchstäbliche Wahrheit des Alten Testamentes und datierte die Erschaffung der Welt auf das Jahr 4053 v.Chr., Arche Noah und Turm zu Babel galten ihm als historische Fakten.

    Dabei war Kircher nicht nur Naturwissenschaftler, Theologe und Musiktheoretiker, der auch einen Apparat konstruierte, mit dem sich 4-stimmige Tonsätze auf Grundlage vorgefertigter melodischer und rhythmischer Muster mechanisch komponieren ließen - eine Art elementaren Musikcomputer also -, Kircher war auch der führende Sprachwissenschaftler seiner Zeit. Kaum ein anderer seiner Zeitgenossen dürfte so viele lebende wie tote Sprachen beherrscht haben wie der bescheidene Jesuitenpater aus der Rhön - der bis in die Goethezeit als Entzifferer der Hieroglyphen galt! In diesem Geniestreich findet sich wie in keinem anderen seiner Werke der Geist des Barock gebündelt, dessen künstlerische Leistungen ja bis heute Gültigkeit haben, dessen wissenschaftliche Errungenschaften sich aber in vieler Hinsicht als grandiose Wolkenkuckusheime erwiesen. Kircher sah in den bildhaften Zeichen der alten Ägypter "Offenbarungen der höchsten Mysterien" und wandte in wahrhaft genialer Manier eine symbolische Logik an, mittels derer er komplette Texte "übersetzte", in die er alles hineinpackte, was er über "ägyptische Weisheit, Phoenizische Theologie, Chaldäische Astrologie, Hebräische Kabbala, Persische Magie, Pythagoräische Mathematik" wußte, wie er auf dem Titelblatt vermerkte. Seine "Übersetzungen" waren so stimmig, daß kaum jemand an ihrer Gültigkeit zweifelte, bis Champollion 1822-24 den tatsächlichen Schlüssel fand. Die alt-ehrwürdigen Texte entpuppten sich dabei als eher profanen Inhalts und es zeigte sich, daß Kircher einzig die waagrechte Zickzacklinie des ägyptischen M als Zeichen für "Wasser" richtig gedeutet hatte.
    Wissenschaftsgeschichtlich wird Kircher heute - nachdem er lange als letzter Dinosaurier mittelalterlicher Gelehrsamkeit abgetan wurde - wieder Reverenz erwiesen als einem Forscher, der vor allem mit seinen Überlegungen zum Magnetismus Denkansätze geäußert hat, die seiner Zeit himmelweit voraus waren.


    Schönste Würdigung dieses Rhöner Römers, der durch eigene Beobachtung erste Grundlagen einer Vulkanismustheorie geliefert hatte, ist die Benennung eines Mondkraters mit seinem Namen. "Wie oben, so unten", dieser Kernsatz der magischen Lehren des Hermes Trismegistos fand in Kircher - Zeitgenosse des Dr. Faustus - eine christliche Ausdeutung, und heute fehlt es auch  nicht an Stimmen, die seine mystische Lesung der Hieroglyphen mit einem geheimen Hintersinn der altehrwüdigen Zeichen in Verbindung bringen wollen...

    Kircher hat seine Rhöner Heimat nie wiedersehen dürfen, mit der er gleichwohl in brieflichem Kontakt blieb. 1665 erwirkte er persönlich bei Papst Alexander VII. einen Ablaß für die heutige Friedhofskapelle seiner Heimatstadt Geisa auf dem Gangolfiberg, in welcher er getauft worden war. Zugleich übersandte er die Reliquien von 14 Heiligen, um Geisa ein Gegengewicht für die einsetzende Nothelferverehrung auf dem Gehilfersberg im benachbarten Rasdorf zu verschaffen (s. Tour 17).

    Anmerkung: Dieser Text war für das Rhön-Wanderbuch vorgesehen und mußte dann aus Platzgründen entfallen. 

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