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Ludwig Steinfeld 

      
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Ludwig Steinfeld    1917-1998

Ein Urgestein des Schlüchterner Kulturlebens 

Stefan Etzel
22.4.2001


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Einer der interessantesten und anregendsten Menschen, die mir je begegneten, war Ludwig Steinfeld, ein kantiger Monolith im Schlüchterner Kulturleben, das er in den Jahrzehnten nach dem letzten Kriege entscheidend mitgeprägt hat.

Über die engere Heimat hinaus bekannt wurde Ludwig Steinfeld als Kunstsammler, Therapeut und Buchautor, wobei besonders seine Bücher über das Autogene Training weite Verbreitung fanden, eine Methode der Selbstentspannung, die er bis zu seinem Lebensende in Kursen gelehrt hat.

Vollendung des KreisesDa er ein Arbeitskollege meines Vaters bei der Dreiturm-Seifenfabrik in Steinau war, lernte ich Steinfeld schon recht früh kennen. Am eindrücklichsten war der sagenhafte Ruf, der ihm vorauseilte, nämlich ein Kunstkenner von hohen Gnaden zu sein, der einige Bilder des wenig bekannten Bauhaus-Malers Georg Muche gekauft hatte (dessen Vater in Steinfeld´s Kindheit Gutsverwalter in Ramholz gewesen war), die alsbald auf den zehnfachen Wert gestiegen waren (hier: Vollendung des Kreises, 1915/1924)
mehr zu diesem Bild || Steinfeld: Mein Weg zur Kunst und zu Georg Muche ||

Am eindrucksvollsten ist mir ein Erlebnis in Erinnerung, das 1960 stattgefunden haben muß. Wir waren von Steinau nach Schlüchtern gezogen, das Wohnzimmer war mit einer moderneren Polstergarnitur ausgestattet worden, einzig das passende Gemälde fehlte noch über dem Sofa. Mein Vater hatte drei Bilder zur Auswahl auf  der Lehne aufgereiht, dann wurde Steinfeld gerufen, um sein Urteil abzugeben. Ein kleiner, agiler Mann kam raschen Schritts durch die Tür, orientierte sich mit kurzem Blick und deutete spontan auf eines der Bilder: "Dieses". Es fiel mir wie Schuppen von den Augen und ich dachte, wie hat man überhaupt die anderen Bilder in Betracht ziehen können? Für mich ist dieser Augenblick der Moment, in dem ein kleinwenig Kunstverstand in mir geweckt wurde.

Es vergingen 35 Jahre, in denen ich Steinfeld nur sporadisch begegnete, dann besuchten wir gemeinsam die Ausstellung eines Rhönmalers bei der Kunstwoche in Kleinsassen. Ich ging ohne rechte Meinung durch die Räume, bis Steinfeld, der in einer Mappe nicht ausgestellter Bilder blätterte, mir zuwinkte und sagte: "Schauen Sie mal, das Bild würde ich kaufen, als einziges der ganzen Ausstellung." Wieder fiel es mir wie Schuppen von den Augen, denn dieser Winteranblick der Milseburg war wahrhaftig das einzig gültige Bild der ganzen Ausstellung.

Um diese Zeit war es auch, daß ich Ludwig Steinfeld fragte: "Was haben Sie eigentlich studiert?" Er schaute mich leicht belustigt an und sagte "Gar nichts. Ich habe eine Buchdruckerlehre gemacht". Da war ich doch sehr verblüfft, denn ein so umfassend gebildeter Mensch mit fundiertem Urteil auf zahlreichen Gebieten war mir nur selten begegnet und ich hatte es als ganz selbstverständlich angenommen, daß ein solcher Mensch studiert haben müsse. Die Begegnungen der letzten 35 Jahren passierten im Geiste revue, und ich mußte vor allem daran denken, wie Steinfeld der progressivste Erwachsene in meinem Umfeld während jener für mich so aufregenden ´67/68er-Jahre war, denn er hatte damals nicht nur Martin Niemöller zu einem Vortrag nach Schlüchtern geholt, sondern auch die Band "Soul Caravan", was für uns Schüler, die mit ihrer Rockmusikbegeisterung bei Eltern und Lehrern auf taube Ohren stießen ein Musikereignis ersten Ranges war - dargeboten von der Schlüchterner Kulturgesellschaft.

Politisch war ich damals auf dem Mao-Tse-Tung-Trip, da lud mich Herr Steinfeld zu sich nach Hause ein. Dieser Besuch war eine gewaltige Offenbarung insofern, als mir hier erstmals ein Erwachsener begegnete, der meinen politischen Trip ernst nahm und nicht nur das rote Buch des großen Vorsitzenden gelesen hatte, sondern auch ernsthaft mit mir darüber diskutieren wollte, statt wie von Lehrern und anderen Erwachsenen gewohnt das Ganze nur von oben herab abzubügeln. Der Mann hatte wirklich Ahnung - und zwar mehr, als ich selbst.
Das besondere freilich waren seine Schlußworte, denn da sagte Steinfeld, während er mich zur Tür begleitete: "Mao Tse Tung mag in vielen Dingen recht haben, und er ist sicher ein bedeutender Geist, aber ich bin bei der Beschäftigung mit fernöstlichen Philosophien beim Zen-Buddhismus gelandet, und ich glaube, daß das weit längeren Bestand haben wird als die Gedanken von Mao Tse Tung."

Ich hatte keine Ahnung, was er damit meinte, aber wenige Flowerpowerjahre später ging mir das betreffende Licht auf. Ich traf Steinfeld dann zufällig noch einmal bei einem Vortrag von Lama Anagarika Govinda in Frankfurt um 1971, las in den nächsten 25 Jahre einige seiner Bücher, bis wir uns dann in den 90er Jahren begegneten und Gespräche führten, die eigentlich noch nicht abgeschlossen sind, die mir aber vorbildhaft Ludwig Steinfeld als einen echten Kulturmenschen aus dem Bergwinkel in Erinnerung lassen.

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Demnächst mehr über Biografie und Lebenswerk, insbesondere Steinfeld als Kunstsammler, als Therapeuth und als Buchautor.  
 

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Zu dem Bild "Vollendung des Kreises" von Georg Muche

Vollendung des Kreises (Georg Muche)Dieses Bild hat eine interessante Geschichte, denn Muche hatte es verworfen und es seinem Vater gegeben, der sich nach seiner Pensionierung auch der Kunst widmen wollte und auf die Rückseite sein erstes Werk malte, "Der Sonntagsmaler", ein Selbstporträt (#Abb.).
So hatte sich der Kreis tatsächlich vollendet - Vater und Sohn, Vorder- und Rückseite...

Muches Vater wurde dann in seinen späten Jahren noch unter seinem Künstlernamen Felix Ramholz ("der Glückliche von Ramholz") bekannt.

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