| Ludwig
Steinfeld 1917-1998
Ein
Urgestein des Schlüchterner
Kulturlebens
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Einer
der interessantesten und anregendsten Menschen, die mir je begegneten,
war Ludwig Steinfeld, ein kantiger Monolith im Schlüchterner
Kulturleben, das er in den Jahrzehnten nach dem letzten Kriege entscheidend
mitgeprägt hat.
Über die engere
Heimat hinaus bekannt wurde Ludwig Steinfeld als Kunstsammler, Therapeut
und Buchautor, wobei besonders seine Bücher über das Autogene
Training weite Verbreitung fanden, eine Methode der Selbstentspannung,
die er bis zu seinem Lebensende in Kursen gelehrt hat.
Da
er ein Arbeitskollege meines Vaters bei der Dreiturm-Seifenfabrik in
Steinau war, lernte ich Steinfeld schon recht früh kennen. Am eindrücklichsten
war der sagenhafte Ruf, der ihm vorauseilte, nämlich ein Kunstkenner
von hohen Gnaden zu sein, der einige Bilder des wenig
bekannten Bauhaus-Malers Georg
Muche gekauft hatte (dessen Vater in Steinfeld´s Kindheit
Gutsverwalter in Ramholz gewesen war), die alsbald auf den zehnfachen
Wert gestiegen waren (hier: Vollendung des Kreises, 1915/1924)
mehr zu diesem Bild || Steinfeld:
Mein Weg zur Kunst und zu Georg Muche ||
Am eindrucksvollsten
ist mir ein Erlebnis in Erinnerung, das 1960 stattgefunden haben muß.
Wir waren von Steinau nach Schlüchtern gezogen, das Wohnzimmer
war mit einer moderneren Polstergarnitur ausgestattet worden, einzig
das passende Gemälde fehlte noch über dem Sofa. Mein Vater
hatte drei Bilder zur Auswahl auf der Lehne aufgereiht, dann wurde
Steinfeld gerufen, um sein Urteil abzugeben. Ein kleiner, agiler Mann
kam raschen Schritts durch die Tür, orientierte sich mit kurzem
Blick und deutete spontan auf eines der Bilder: "Dieses". Es fiel mir
wie Schuppen von den Augen und ich dachte, wie hat man überhaupt
die anderen Bilder in Betracht ziehen können? Für mich ist
dieser Augenblick der Moment, in dem ein kleinwenig Kunstverstand in
mir geweckt wurde.
Es vergingen 35
Jahre, in denen ich Steinfeld nur sporadisch begegnete, dann besuchten
wir gemeinsam die Ausstellung eines Rhönmalers bei der Kunstwoche
in Kleinsassen. Ich ging ohne rechte Meinung durch die Räume, bis
Steinfeld, der in einer Mappe nicht ausgestellter Bilder blätterte,
mir zuwinkte und sagte: "Schauen Sie mal, das Bild würde
ich kaufen, als einziges der ganzen Ausstellung." Wieder fiel es mir
wie Schuppen von den Augen, denn dieser Winteranblick der Milseburg
war wahrhaftig das einzig gültige Bild der ganzen Ausstellung.
Um diese Zeit war
es auch, daß ich Ludwig Steinfeld fragte: "Was haben Sie eigentlich
studiert?" Er schaute mich leicht belustigt an und sagte "Gar nichts.
Ich habe eine Buchdruckerlehre gemacht". Da war ich doch sehr verblüfft,
denn ein so umfassend gebildeter Mensch mit fundiertem Urteil auf zahlreichen
Gebieten war mir nur selten begegnet und ich hatte es als ganz selbstverständlich
angenommen, daß ein solcher Mensch studiert haben müsse.
Die Begegnungen der letzten 35 Jahren passierten im Geiste revue, und
ich mußte vor allem daran denken, wie Steinfeld der progressivste
Erwachsene in meinem Umfeld während jener für mich so aufregenden
´67/68er-Jahre war, denn er hatte damals nicht nur Martin Niemöller
zu einem Vortrag nach Schlüchtern geholt, sondern auch die Band
"Soul Caravan", was für uns Schüler, die mit ihrer Rockmusikbegeisterung
bei Eltern und Lehrern auf taube Ohren stießen ein Musikereignis
ersten Ranges war - dargeboten von der Schlüchterner Kulturgesellschaft.
Politisch war ich
damals auf dem Mao-Tse-Tung-Trip, da lud mich Herr Steinfeld zu sich
nach Hause ein. Dieser Besuch war eine gewaltige Offenbarung insofern,
als mir hier erstmals ein Erwachsener begegnete, der meinen politischen
Trip ernst nahm und nicht nur das rote Buch des großen Vorsitzenden
gelesen hatte, sondern auch ernsthaft mit mir darüber diskutieren
wollte, statt wie von Lehrern und anderen Erwachsenen gewohnt das Ganze
nur von oben herab abzubügeln. Der Mann hatte wirklich Ahnung -
und zwar mehr, als ich selbst.
Das besondere freilich waren seine Schlußworte, denn da sagte
Steinfeld, während er mich zur Tür begleitete: "Mao Tse Tung
mag in vielen Dingen recht haben, und er ist sicher ein bedeutender
Geist, aber ich bin bei der Beschäftigung mit fernöstlichen
Philosophien beim Zen-Buddhismus gelandet, und ich glaube, daß
das weit längeren Bestand haben wird als die Gedanken von Mao Tse
Tung."
Ich hatte keine
Ahnung, was er damit meinte, aber wenige Flowerpowerjahre später
ging mir das betreffende Licht auf. Ich traf Steinfeld dann zufällig
noch einmal bei einem Vortrag von Lama Anagarika Govinda in Frankfurt
um 1971, las in den nächsten 25 Jahre einige seiner Bücher,
bis wir uns dann in den 90er Jahren begegneten und Gespräche führten,
die eigentlich noch nicht abgeschlossen sind, die mir aber vorbildhaft
Ludwig Steinfeld als einen echten Kulturmenschen aus dem Bergwinkel
in Erinnerung lassen.
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Demnächst
mehr über Biografie und Lebenswerk, insbesondere Steinfeld als
Kunstsammler, als Therapeuth und als Buchautor.
Zu dem Bild "Vollendung
des Kreises" von Georg Muche
Dieses
Bild hat eine interessante Geschichte, denn Muche hatte es verworfen
und es seinem Vater gegeben, der sich nach seiner Pensionierung auch
der Kunst widmen wollte und auf die Rückseite sein erstes Werk
malte, "Der Sonntagsmaler", ein Selbstporträt (#Abb.).
So hatte sich der Kreis tatsächlich vollendet - Vater und Sohn,
Vorder- und Rückseite...
Muches Vater wurde
dann in seinen späten Jahren noch unter seinem Künstlernamen
Felix Ramholz ("der Glückliche
von Ramholz") bekannt.
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