Würzburg

    von Stefan Etzel (aus: Main-Radweg)
     

    Der oft gebrauchte Vergleich mit dem "goldenen" Prag gründet v.a. auf dem durch den Strom geschiedenen Gegensatz von Burgbezirk und Bürgerstadt, deren Verbindungsglied die figurengeschmückte Brücke ist. Während die Moldaustadt freilich die Stürme der Zeit weitgehend unbeschadet überstand, wurde Würzburg kurz vor Kriegsende durch militärisch längst sinnlosen Bombenterror zu 90% zerstört. Was wir heute sehen, ist Ergebnis einer schier unglaublichen Aufbauleistung, wobei die historischen Baudenkmäler penibel rekonstruiert bzw. wieder instand gesetzt wurden, so daß Würzburg wieder zu den schönsten Städten Deutschlands zählt.

    Alte BrückeNachhaltigste Wirkung auf die Würzburger Geschichte hatten der irische Bischof Kilian und seine Gefährten Kolonat und Totnan. Die drei "Frankenapostel" begannen um 680 am Main zu missionieren und erlitten 689 in Würzburg den Märtyrertod. Als Bonifatius 741 das Bistum Würzburg gründet, wird der mittlerweile heilig gesprochene Kilian zu dessen Schutzpatron erkoren.

    Wir begegnen dem Dreigestirn des fränkisch-christlichen Pantheons gleich auf der Alten Mainbrücke, in deren Figurenprozession sich unter die Frankenapostel und andere Heilige auch die fränkischen Herrscher Pippin und Karl der Große einreihen.

    Alter KranenAnmerkung: Linker Hand sieht man am jenseitigen Mainufer den Alten Kranen, 1772/73 nach Plänen von Balthasar Neumanns Sohn Franz Ignaz Michael erbaut. Nebenan im Haus des Frankenweins kann man schon einmal all die herrlichen Tropfen der fränkischen Winzer verkosten, und vielleicht einen Plan anlegen, wo unterwegs die vinologischen Forschungen vertieft werden sollten...

    MarienkapelleHinter der Brücke empfängt uns der belebte Rathausplatz mit dem prächtigen Vierröhrenbrunnen von 1765, linker Hand prangt das alte, auch "Grafeneckart" genannte Rathaus, ein Paradebau der Übergangszeit zwischen Romanik und Gotik. Tip: Im "Ratskeller" speist man gut in stilvollem Ambiente.

    Dahinter gelangen wir links durch die Langgasse zum Markt, der von der Lieblingskirche der Würzburger Bürgerschaft beherrscht wird, der Marienkapelle. Sie entstand nach dem Judenpogrom von 1349 - der Markt war ja christlich geworden - an Stelle der Synagoge als eigene Unternehmung der Bürger in Abgrenzung zum allbeherrschenden Klerus. Daher war den Stadtoberen zur Verschönerung auch nichts gut genug und sie gaben 1491 Riemenschneider den Auftrag, für das Südportal die Figuren des Urelternpaares zu schaffen. Man war so zufrieden mit der Arbeit von  "meister tyl", daß ihm ein Bonus von 20 Gulden gewährt wurde, was damals immerhin 1000 Litern Frankenwein entsprach!

    Wir gehen zunächst zum Westportal neben dem Turm und bewundern das eindrucksvolle Reliefbild des "Jüngsten Gerichtes" im Bogenfeld, dessen schlichterer Nachbildung wir in Ochsenfurt begegnen werden.
    Links um den Turm herumgehend, erreichen wir das Nordportal, dessen Verkündigungsrelief ein ikonographisches Kuriosum ist: Zur Darstellung der "unbefleckten" Empfängnis führt vom Munde Gottvaters zum Ohr Marias ein Schlauch hinab, durch den das Christkind rutscht!
    Wir gehen nun zurück zum Marktplatz und betreten die Kirche durch das Südportal, welches von Riemenschneiders Adam und Eva flankiert wird (seit 1975 Kopien, Originale im Mainfränkischen Museum). Im Bogenfeld "Krönung Mariens" mit dem sie segnenden Christus, flankiert von zwei der "drei heilgen Madel", nämlich Barbara (mit Kelch und Hostie) und Katharina (mit Rad und Schwert), s. KASTEN Nothelfer.

    Konrad v. SchaumbergWenn wir das Kircheninnere betreten, so erinnert am ersten Pfeiler rechts eine Gedenktafel an Balthasar Neumann, der hier 1753 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt worden war. Unter den vorzüglichen Grabdenkmälern begegnen wir an der linken (turmseitigen) Querwand einer weiteren Arbeit Riemenschneiders, dem Epitaph für Ritter Konrad v. Schaumberg (um 1502/04). Daneben das anmutige Epitaph des Martin von Seinsheim, das ihn im Brustharnisch mit zeitgenössischer Gugel-Mütze auf dem Kopf zeigt als sei's ein Vorfahr des deutschen Michel.

    Der Weiterweg verläuft, wenn wir aus der Kirche treten, nach links über die Fortsetzung des Marktplatzes. An die Marienkapelle anschließend prangt das barocke Haus zum Falken mit virtuoser Stuckdekoration von 1751 (heute Tourist-Information mit Zimmervermittlung). Am Ende des Platzes dann rechts zum Neumünster und Dom (die Martinsgasse links vor dem Neumünster ist der spätere Weiterweg).

    NeumünsterDas heutige, in seinen ältesten Teilen auf die Zeit um 1060 zurückgehende Neumünster - dessen dynamisch bewegte Fassade von 1712-16 eines der großartigsten Werke des deutschen Barock darstellt - ist Nachfolgebau einer Kirche, die an Stelle jenes herzoglichen Hofes erbaut wurde, in welchem 689 Kilian und seine Gefährten ermordet wurden. Die Kiliansgruft unter dem Kuppelraum der Eingangsrotunde enthält das Grab des Frankenapostels mit dem frühgot. Kiliansaltar (um 1250), auf dem der zum 1300jähigen Kiliansjubiläum 1989 geschaffene Kilians-Schrein steht. Er enthält die im Neumünster verbliebenen Reliquien der Frankenapostel (im Hauptaltar des Domes werden seit 1967 deren Schädeldecken in einem zweiten Schrein verwahrt ).

    In der Seitenkapelle gleich rechts des Eingangs, noch vor der Rotunde, befindet sich das Grabmal des Johannes Trithemius, eines vielseitig interessierten humanistischen Gelehrten, das von einem Mitarbeiter der Riemenschneiderwerkstatt 1517 nach eigenhändiger Zeichnung des Meisters angefertigt wurde.
    In der rechten Rotundennische sehen wir die früheste Sandsteinmadonna Riemenschneiders von 1493.
    Der Raum "schluchtet" auf eigentümliche Weise über die Rotunde hinaus, ein seltenes Motiv ist der üppige Stuckvorhang. Die Fresken des Langhauses stellen eine Art Bilderpredigt dar, in der mehrere Themenkreise verwoben sind.
     

    DomWir gehen weiter zum Dom St. Kilian, Kolonat und Totnan, der Nachfolger mehrerer bis aufs Jahr 788 zurückreichender Vorgänger ist und in seinen ältesten Teilen aufs 11. Jahrhundert zurückgeht. Die komplexe Baugeschichte gipfelte in den starken Schäden von 1945 und der künstlerisch heftig umstrittenen Wiederherstellung bis 1967.

    Beeindruckend sind die Dimensionen der hohen, dreischiffigen Pfeilerbasilika, die von Vorhalle bis Apsis 105 m mißt. Etwas befremdend mag der eigentümliche Kontrast zwischen romanisch wirkendem Langhaus und barock ausgestattetem Querhaus mit Chor anmuten, Folge des Bombenbrandes von 1945: Nur in den östlichen Raumteilen war der - den ganzen Dom ausschmückende - barocke Stuckmantel so gut erhalten, daß er sich restaurieren ließ. Vom Langhaus dagegen waren tragende Wände und damit auch die Gewölbe eingestürzt bzw. mußten aus statischen Gründen abgetragen werden, so daß sich hier eine Rückführung auf die romanischen Grundgegebenheiten des Baus anbot anstatt den barocken Eindruck inklusive der Stukkaturen zu rekonstruieren.

    Ein einzigartiges Zeugnis für die Entwicklung der fränkischen Plastik stellen die zumeist an den Langhauspfeilern aufgestellten Bischofsgrabmäler aus sieben Jahrhunderten dar, die in zwei Werken Riemenschneiders gipfeln: Sein Grabmal für den im Alter von 95 Jahren verstorbenen Bischof Rudolf v. Scherenberg (1496-99) am 6. Pfeiler ist einer der Höhepunkte europäischer Bildhauerkunst. Das Grabmal Lorenz von Bibras (1516-19) am folgenden Pfeiler spiegelt Riemenschneiders Begegnung mit der "neuen welschen Manier" wieder, wie die Säulen und der Puttenreigen im Bogenfeld zeigen. Man beachte auch die unterschiedlichen Gesichtsausdrücke bei fast identischer Haltung der beiden Figuren.

    Größter Sakralschatz des Domes ist der im Vierungsaltar ruhende Reliquienschrein, in welchem die "Drei Häupter" sichtbar sind, die Schädeldecken Kilians und seiner beiden Gefährten Kolonat und Totnan.

    SchönbornkapelleAns linke Querhaus angebaut ist die Schönbornkapelle, das erste große Werk Balthasar Neumanns, 1721 kurz nach der Residenz begonnen. Am erstaunlichsten ist wohl, wie klar sich hier schon zu Beginn der Karriere das architektonische Lebensprogramm abzeichnet, an dessen Anfang bereits das Ziel höchster Invention und Perfektion erreicht wird. Dabei findet Neumann über die Auseinandersetzung mit den Gegenentwürfen des Wiener Meisters Johann Lucas von Hildebrandt zu seiner spezifischen Architektursprache und reift in diesem einen Werk zum großen Architekten heran.

    Erstmals taucht hier das Thema der Vier-Arkaden-Rotunde mit Säulenpaaren auf, das als Grundmotiv das weitere Kirchenschaffen Neumanns durchzieht (s. KASTEN Balthasar Neumann, S. *). Für den Vergleich mit der dieses Motiv in völlig anderer Gestalt variierenden Kirche in Kitzingen (morgige Etappe, km 36) sei darauf hingewiesen, daß in der Schönbornkapelle die Wölbung nicht direkt auf den Säulen aufliegt, sondern auf zylinderringartig zwischengeschalteten Zwickelwänden, wodurch die Arkaden in diese und nicht in die Kuppel einschneiden. Der hierdurch geschlossene, erhabene Raumeindruck harmoniert so mit der Bestimmung als Mausoleum. Vier Schönborn liegen in der 1736 vollendeten Grablege von Neumanns Dienstherren und Mäzenen begraben (s.a. 6. Etappe, km 3 Gaibach).

    Leider ist die Kapelle meistens durch eine Glastüre verschlossen. Zugang besteht nur während der Domführungen tägl. von 12-13 Uhr (So. 12.30 Uhr) und der Vesper um 17.45; außerdem können beim Dom-Pfarramt Sonderführungen angemeldet werden, bzw. man kann fragen, ob und wann man sich einer solchen Führung anschließen kann (Tel. 0931/53691).

    LusamgärtleinWir kehren vom Dom am Neumünster vorbei zur o.g. Martinsgasse zurück und fahren an deren Ende rechts. Unmittelbar vor dem Chor des Neumünsters liegt rechts das Lusamgärtlein mit einem Rest des alten Kreuzgangs, wo Walther von der Vogelweide, der im hiesigen Stift seinen Lebensabend verbrachte, um 1230 begraben wurde. Die Reliefs des thronenden Christus und des segnenden St. Kilian zählen zu den ältesten erhaltenen Bildhauerarbeiten in Würzburg.

    Wenige Meter weiter die Außenfassade der Schönbornkapelle, deren Halbsäulenpaare noch einmal ein Neumannsches Grundmotiv zeigen.

    Frankonia-BrunnenVoraus ist schon die Residenz zu sehen. Vor dieser führt unser Weiterweg dann nach rechts, auf dem Radweg am Hofgarten entlang.

    Auf dem Residenzplatz lädt der Franconia-Brunnen von 1894 zum Fototermin ein: Die malerischen Statuen Mathias Grünewalds, Walthers von der Vogelweide und Tilman Riemenschneiders erinnern an drei Künstler, deren Namen durch Geburt, Tod oder Wirken mit Würzburg verbunden sind.

    Für den nächsten Weltkrieg hat die Menschheit den Wunsch geäußert, daß 120 Baudenkmäler auf dem Globus als Weltkulturerbe erhalten bleiben mögen (Unesco-Liste), darunter die Würzburger Residenz, von Napoleon einst als "schönster Pfarrhof Europas" bezeichnet (Öffnungszeiten: Di.-So. 9-17 Uhr, letzter Einlaß 16.30 Uhr). Ob zukünftige Militärs sich einen Deut darum scheren, darf bezweifelt werden. Schon der heutige Residenzbau ist in weiten Teilen Rekonstruktion, da die ursprünglichen Gebäude nach Bombentreffern fast völlig ausbrannten. Nur das Herzstück (Vestibül, Gartensaal und v.a. Treppenhaus und Kaisersaal mit den Fresken Tiepolos) blieb wunderbarerweise weitgehend verschont - dank der genialen Wölbungsarchitektur Balthasar Neumanns, die dem brennend herabstürzenden Dachstuhl standhielt.

    Einerseits gilt manchen die Residenz als das Lebenswerk Balthasar Neumanns, das ihn vom Beginn seiner Karriere bis zu seinem Tode begleitete. Andererseits muß eingeschränkt werden, daß sie als das Werk mehrerer Meister anzusehen ist, wobei die Tatsache, daß die vielen "Köche" hier nicht den "Brei" verdarben als charakterliche wie fachliche Leistung Neumanns anzusehen ist, der stets die Oberbauleitung inne hatte. Als noch völlig Unbekannter hatte er in Zusammenarbeit mit dem Fürstbischof 1719 das Ursprungskonzept entworfen (s.a. KASTEN Balthasar Neumann). Über die Jahrzehnte gelang es ihm, die verschiedenen Baugedanken anderer schönbornscher "Baudirigierungsgötter" zu einer bruchlosen Einheit zu fügen. Seine völlig eigenständigen Leistungen sind Treppenhaus und Hofkirche.

    Treppenhaus der ResidenzDie vielgepriesene "fünfschiffige Treppenhauskathedrale" - 1753, im Todesjahr Neumanns vollendet - ist das Prunkstück der Residenz. Neumann setzte sich dabei mit dem waghalsigen Vorschlag eines freitragenden Riesengewölbes von 18 x 30 m Spannweite durch, "ein Wahnsinn", wie die Mitbaumeister entgegenhielten. Neumann bewältigte die Aufgabe mit starker Eisenarmierung und unter Verwendung von leichten Tuffsteinen im oberen, flachen Teil der Wölbschale. Sein Vorschlag, Kanonen abzufeuern, um die Haltbarkeit der Konstruktion zu beweisen wurde nicht aufgegriffen. Der schlagende Beweis folgte knapp 200 Jahre später, als das Gewölbe in der Bombennacht des 16.3.1945 den Einsturz des brennenden Dachstuhls überstand - und so auch das größte einteilige Fresko rettete, das je gemalt wurde.

    TiepoloFür die bildnerische Ausgestaltung seiner zukünftigen Wohnstatt hatte der Fürstbischof den Venezianer Giovanni Battista Tiepolo (1696-1770) gewonnen, der schon zu Lebzeiten als bedeutendster Maler seiner Epoche galt. In Treppenhaus und Kaisersaal der Residenz schuf er 1750-53 seinen bedeutendsten Werkzyklus, der als Höhepunkt der Malerei des 18. Jahrhunderts gilt. Die himmlische Welt der irdischen ein wenig näher zu bringen, war eines der Ziele der sinnenfreudigen Barockkunst, wofür die würzburger Tiepolofresken herausragendes Zeugnis ablegen.

    Balthasar NeumannDas 540 qm große Deckenfresko des Treppenhauses stellt die Huldigung der Erdteile an den Fürstbischof dar: fürstliche Frauengestalten in exotischen Zauberwelten repräsentieren Asien, Amerika und Afrika, Höhepunkt bildet - über dem Ende des Aufgangs - die Allegorie der Europa mit dem Würzburger Hof als Hort der Künste. Im Vordergrund, über dem Gesims, ist der Kanonier Neumann mit Hund abgebildet sowie Tiepolo selbst (rotbraune Kappe) und sein Sohn Domenico (weiße Perücke). Ein antiker Götterhimmel im Zentrum fügt die Formen- und Vorstellungspracht zu einem Ganzen.

    Durch den Weißen Saal gelangen wir in den Kaisersaal. Einer der vollkommensten Räume des Rokoko erstrahlt im Glanz von Gold und Marmor und einem weiteren Freskenzyklus Tiepolos, der die Verbindung der Geschichte Würzburgs mit der des Reiches thematisiert: Hochzeit von Beatrix von Burgund mit Kaiser Barbarossa 1156 im Kilians-Dom sowie Belehnung des Fürstbischofs mit dem Herzogtum Franken durch Barbarossa 1168. Im Deckenspiegel Brautfahrt der Beatrix im Sonnenwagen des Apoll.

    Hingewiesen sei noch auf das im Krieg zerstörte Spiegelkabinett, das in den Jahren 1981-87 für rund 5 Millionen DM rekonstruiert wurde.

    HofkircheWenn wir wieder auf den Residenzplatz hinaustreten, wenden wir uns abschließend nach links zur Hofkirche (letzter Gebäudeeingang vor dem Hofgarten). Sie war der erste von Neumanns kurvierten Langbauten (also ohne Vierung und Rotunde) und ist für das Verständnis zugleich auch der schwierigste, denn Neumann zog hier alle Register. Die Gemälde der Seitenaltäre sind übrigens zwei weitere Meisterwerke Tiepolos (Himmelfahrt Mariens und Engelssturz; 1752).
     

     

    Fotos: mit Dank an Würzburg online.

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