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Working Class Hero

Zum 125. Geburtstag von Jack London      12.1.1876 - 22.11.1916


1899 erschienen die ersten Alaska-Geschichten Jack London´s, der in der Folgezeit der populärste Schriftsteller Amerikas vor dem 1. Weltkrieg wurde  - und der bekannteste US-Sozialist seiner Zeit.

Jack London - Ernest EverhardLondon´s Karriere wurde von zentralen Strömungen in der amerikanischen Gesellschaft der Jahrhundertwende getragen, dem rasanten Aufschwung der illustrierten Unterhaltungsmagazine* zum ersten Massenmedium, dem Boom sozialistischer Ideen auch in den USA, und natürlich dem langen Nachhall des Alaska-Goldrauschs von 1897/98, mit dem London´s Name bis heute untrennbar verbunden ist.

Es war die Zeit, als die Fotografie massenreproduzierbar wurde und "Image" eines der Zauberworte der sich formierenden Mediengesellschaft, zu deren frühesten Stars Jack London zählte. Sein Image war das des Abenteurers, Selfmademans und Sozialrebellen, dessen bloße Erwähnung Präsident "Teddy" Roosevelt* rot sehen ließ.

 


Am Abend des 19. Januar 1906 strömen mehrere tausend Menschen im Grand Central Palace von New York zusammen. So ziemlich jeder Ostküstensozialist, der sich die Bahnfahrt leisten konnte, war zu diesem Großereignis erschienen.

Upton Sinclair*, der gerade seinen Roman The Jungle über die Ausbeutung der Arbeiter von Chicago geschrieben hatte, sprach zunächst über den Beitrag des Einzelnen zur Schaffung einer gerechten Wirtschaftsordnung in Amerika.

Gegen zehn Uhr traf dann endlich der Hauptredner ein. Die Menge sprang von den Sitzen auf und begeisterter Applaus brandete durch den riesigen Saal, während ein junger Mann durch ein Meer roter Fähnchen vor zur Rednertribüne schritt. Eugene Debs mochte der politische Führer der amerikanischen Sozialisten sein, Jack London aber war ihr Held und Prophet. Es dauerte volle fünf Minuten, bis der Saal zur Ruhe kam. Dann begann der berühmte Autor von "Ruf der Wildnis" und "Der Seewolf", der gerade den Essayband "Krieg der Klassen" veröffentlicht hatte, seinen angekündigten Vortrag "Revolution" zu halten.

London zählte zunächst die Zahl der Sozialisten in den verschiedensten Ländern der Erde auf: 400.000 in den Vereinigten Staaten, 3 Millionen in Deutschland, eine Million in Frankreich und weitere Hunderttausende in England, Belgien, Österreich, Italien usw.

"Das sind Zahlen, neben denen die Armeen von Napoleon und Xerxes verblassen. Diese Zahlen bilden, wenn zu den Fahnen gerufen wird, eine Armee von sieben Millionen Männern, die mit all ihrer Kraft für die Eroberung des Reichtums dieser Welt und den vollständigen Umsturz der bestehenden Gesellschaft kämpfen.

Niemals zuvor hat es in der Geschichte der Menschheit etwas gegeben, das sich mit dieser Revolution vergleichen ließe. Andere Revolutionen nehmen sich neben ihr wie Sternschnuppen neben der Sonne aus. Es ist die erste Weltrevolution in einer Welt, deren Geschichte voller Revolutionen war. Es ist die erste organisierte Massenbewegung, die zur Weltbewegung wird, begrenzt allein von den Grenzen des Planeten.

Eine solche Revolutionsarmee, 7 Millionen Mann stark, ist eine Sache, die Herrscher und herrschende Klasse veranlassen sollte, innezuhalten und nachzudenken. Der Schlachtruf dieser Armee lautet: "Kein Viertel, kein fifty-fifty! Wir wollen alles. Wir verlangen, daß die Zügel der Macht und die Geschicke der Menschheit in unsere Hände gelegt werden. Hier sind unsere Hände. Es sind starke Hände. Wir werden ihnen ihre Herrschaft, ihre Paläste und ihr fürstliches Wohlbehagen entreißen, und von diesem Tag an werden sie für ihr Brot arbeiten müssen wie der Bauer auf dem Feld und der Arbeiter in der Fabrik. Hier sind unsere Hände, es sind starke Hände!"

Als Jack London den Untergang der kapitalistischen Gesellschaft bis spätestens zum Jahr 2.000 prophezeit, fällt die Menge in einen Freudentaumel. Anderntags erscheinen fingierte Steckbriefe des "gefährlichen Anarchisten" und Schlagzeilen wie "Jack London speit Feuer!" oder "Mord ist ein kleiner Spaß für Mr. London!" zieren die Titelseiten der Zeitungen, und die "New York Times" schrieb:

Wir müssen Mr. Jack London für die schonungslose Offenheit danken, mit der er seinen Zuhörern erklärt, was Sozialismus ist. Er verhehlt nichts, er ist keinesfalls kleinlaut. Sein Sozialismus kommt nicht scheu verkleidet daher. Mr. Londons Sozialismus ist blutiger Krieg - der Krieg einer Klasse der Gesellschaft gegen andere Klassen. Es ist ein destruktiver Sozialismus, und er selbst glänzt darin.

Die New Yorker Rede war der Höhepunkt einer viermonatigen Vortragstournee, die Jack London durch die gesamten Vereinigten Staaten geführt hatte. Die Jahre 1905 und -sechs waren bewegende Jahre für die amerikanischen Sozialisten, die sensationelle Stimmengewinne erzielten - und, es waren die Jahre von Jack London´s größter Popularität. 1899 waren die ersten Alaska-Geschichten des Kaliforniers erschienen, und seit dem war der einstige Matrose und Arbeiter der meistgelesene und bestbezahlte Schriftsteller Amerikas geworden, ein wahrer Musterknabe des amerikanischen Traums, der es vom Zeitungsboy zum Millionär gebracht hatte.

Oakland 1900London - am 12. Januar 1876 in San Francisco geboren - war in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte sich als halbstarker "König der Austernräuber" im Hafenviertel von San Francisco hochgeboxt, war Fabrikarbeiter gewesen und zur See gefahren, hatte all dies mit Siebzehn schon hinter sich, als sein Schreibtalent aufblitzte. "Sailor Jack" war gerade auf einem Dreimastsegler von der Robbenjagd aus Sibirien heimgekehrt, als der "San Francisco Call" einen Preis für die beste Kurzgeschichte aussetzte. Der schon mit allen Wassern  gewaschene Youngster brachte flott Selbsterlebtes zu Papier - und gewann die Handvoll Dollars mit "Story of a Typhoon off the Coast of Japan", worin schon der typische London-Sound anklang. Mit unbekümmerter Frechheit schob das of-off-of-Stakkato der Titelmelodie die Regeln des feinen viktorianischen Stils beiseite. "Story of a Typhoon off the Coast of Japan" kündete den geborenen Schriftsteller der Zukunft an, und im "Call" stand zu lesen: "Am erstaunlichsten ist die Weite der Auffassung und die durchgängige Ausdruckskraft, die den jungen Künstler offenbart."

Das Preisgeld von 25 Dollar entsprach damals fast dem Monatslohn eines Arbeiters - verdient an einem einzigen Abend. Der Unterschichtboy sieht eine glänzende Zukunft vor sich. Mühelos fließen ihm die Geschichten aus der Feder, Vorzeichen der unglaublichen Produktivität des späteren Bestsellerautors, doch vorläufig will noch niemand Jack-London-Stories haben und der ernüchterte Jungautor muß Kohlen im Kraftwerk der Straßenbahn schippen - 70-Stunden-Woche; dreißig Dollar im Monat.

Als Folge dieser Arbeitsorgie zieht sich der mittlerweile achtzehnjährige eine schwere Allergie zu, die er nie mehr loswerden sollte - den Ekel vor jeder Art körperlicher Lohnarbeit. An einem Frühlingstag des Jahres 1894 springt er auf einen Zug, der Oakland zur Fahrt über die Sierra Nevada und durch die Rockies nach Omaha am Missouri verläßt und trampt in den nächsten Monaten auf Eisenbahnpuffern durch die Staaten. Es ist eine große Schule des Lebens, die er da betritt, die mit Freiheit und Abenteuer beginnt und in der man die Reifeprüfung dann im Tiefparterre der Gesellschaft ablegt.

Während meiner Wanderung durch die Vereinigten Staaten ging mir bald eine neue Erkenntnis auf. Als Vagabund befand ich mich hinter den Kulissen der Gesellschaft - ja, ganz unten im Maschinenkeller. Ich sah, wie die Schwungräder der sozialen Maschinerie sich drehten, und erkannte, daß es sich mit der Würde körperlicher Arbeit doch etwas anders verhielt, als Lehrer, Geistliche oder Politiker mir erzählt hatten. Ich fand unter den Tramps alle Arten von Menschen, unter ihnen viele, die einmal so gesund und kräftig ausgesehen hatten wie ich und jetzt entstellt und verunstaltet waren durch Schwerarbeit, Not und Unfälle. Von ihren Arbeitgebern waren sie weggejagt worden wie alte, nutzlos gewordene Gäule. Ich zog mit ihnen umher und bettelte an Hintertüren, zitterte mit ihnen vor Kälte in offenen Waggons oder in Stadtparks und hörte immer wieder Lebensgeschichten, die unter ebenso glücklichen Vorzeichen begonnen hatten wie die meine, manchmal besseren sogar, und die doch jetzt dort vor meinen Augen im Bodensatz der Gesellschaft endeten. Während des Zuhörens begann mein Gehirn zu arbeiten. Ich sah das Bild des gesellschaftlichen Abgrundes lebhaft vor mir, und auf dem Boden dieses Abgrundes sah ich diese Tramps, während ich selbst dicht über ihnen an der schlüpfrigen Wand hing, an der ich mich mit all meiner Kraft festzuhalten suchte. Ich bekenne, daß mich ein furchtbarer Schrecken durchfuhr. Was würde sein, wenn meine Kraft nachließ, wenn ich nicht mehr in der Lage sein würde, Schulter an Schulter mit all den starken Männern zu arbeiten, die jetzt noch nicht einmal geboren waren?

Jack London sprach später immer wieder davon, wie ihn diese Monate "on the road" ins Denken geschockt haben. Daß dieses Denken dann eine bestimmte Richtung nahm, dafür bedurfte es noch eines weiteren Anstoßes, für den die Zeit reif ist, als "Frisco Kid", wie London´s road-Name* lautete, in Baltimore nördlich von Washington zu einer Gruppe von Hobos* stößt, wie er sie noch nie kennengelernt hatte, gebildete Männer, die einst in respektablen Berufen gearbeitet hatten und jetzt im Zuge der großen Rezession auf die Straße geflogen waren. Im Druid Hill Park diskutierten sie von morgens bis abends über Evolution und Revolution, stürmten zwischendurch die Stadtbücherei, um sich mit neuen Argumenten zu wappnen und rangen erbittert um die Zukunft der Menschheit. Erstmals hört Jack London von Darwin, Spencer, Nietzsche und Marx, der achtzehnjährige ist fasziniert von der Welt der Ideen, die sich ihm hier auftut und beginnt, die Welt um sich herum mit neuen Augen zu schauen. Jack ist wie berauscht, sein wacher Verstand läßt ihn zwar gute Fragen stellen, doch er merkt, wie wenig er im Vergleich zu diesen Philosophen der Landstraße weiß - und beschließt, Geistesarbeiter zu werden.

Ich kehrte also nach Kalifornien mit dem festen Entschluß zurück, mein Gehirn zu entwickeln. Das bedeutete: Schule. Ich hatte vor langer Zeit die Volksschule absolviert und konnte daher jetzt auf die High School gehen.

Jack hat bald das Gefühl, daß ihm die High School die Zeit stiehlt und paukt sich allein das gesamte Wissen für die Aufnahmeprüfung der Berkley Universität rein, die er nach zwei statt der vorgesehenen vier Jahre schafft. Er war der geborene Sieger und hatte es den hochnäsigen Mittelstandsboys gewaltig gezeigt.

Neben dem Pflichtprogramm absolviert der zukünftige Star der amerikanischen Arbeiterbewegung eine Kür, die es nicht minder in sich hat: Jack London liest die utopischen Frühsozialisten*, dazu Darwin, Nietzsche, das "Kommunistische Manifest" und vor allem Herbert Spencer, dessen Anwendung des Evolutionsgedankens auf die Gesellschaft Londons Denken ganz besonders prägen sollte. Von Spencer stammt der Begriff "Überleben des Stärksten" - Survival of the Fittest -, nicht von Darwin, wie meist angenommen wird.

Ein Jahr, nachdem er sich auf der Berkley Universität in Literatur und Geschichte eingeschrieben hatte, hat die Schule des Lebens Jack London wieder - als der Lockruf des Goldes die Amerikaner zu den Fahnen ruft.

Der Klondike-Goldrush von 1897/98 war das die amerikanische Gesellschaft aufwühlendste Ereignis zwischen Bürgerkrieg und erstem Weltkrieg. Mitten in eine schwere Rezession, die nach den "Golden Eighties" Millionen in bittere Not gestürzt hatte, platzte Mitte Juli 1897 die Nachricht von sagenhaften Goldfunden hoch oben in Alaska und versetzte die Nation in einen unbeschreiblichen Taumel. Als sei am Rande der bewohnbaren Welt ein goldenes Tor zum Glück aufgestoßen worden - a Golden Gate -, brechen Tausende binnen Tagen, Zehntausende in den nächsten Wochen auf, schließlich ist eine Viertelmillion Menschen in Richtung auf diese Fata Morgana des Polarkreises unterwegs, alle Warnungen vor den Gefahren des arktischen Winters in den Wind schlagend, was viele mit ihrem Leben bezahlen sollten.

Der 21-jährige Jack London ist gleich unter den ersten, die noch Ende Juli 1897 aufbrechen und erreicht die Goldgründe mit gut 5.000 anderen Glücksrittern gerade noch rechtzeitig, bevor der Winter einbricht. Als hinter ihren Booten der Yukon zufriert, sitzen jenseits der Pässe weitere Einhunderttausend fest und müssen aufs Frühjahr warten.

Das Fähnlein der glücklichen Fünftausend dachte, bei der Goldsuche jetzt ganz vorn mit dabei zu sein, doch sie hatten die Rechnung ohne die Oldtimer gemacht, die seit Jahren in Alaska waren und sich die besten Claims natürlich längst selbst abgesteckt hatten.

Für einen angehenden Schriftsteller freilich war die Teilnahme am Vorauskommando der großen Flut ein Glücksfall, denn so konnte er noch einen Hauch des alten Alaska erleben, einer Welt des krassen Gegensatzes zu der Zivilisation, aus der er kam. Hier bestimmten allein Mut, Stärke und Intelligenz den Wert eines Mannes und nicht sein Bankkonto. Schwäche, Feigheit und Gier, in der Zivilisation durch staatliche Macht und sogenannte Kultur unter Schutz gestellt, wurden hier rasch eliminiert, durch die Macht der Natur, indianisches Stammesrecht oder die simple Grenzlandjustiz der Oldtimer.

Jack London in old timesJack London war fasziniert von dem Menschenschlag, auf den er hier trifft, Indianer und Oldtimer. Die Bewohner der arktischen Wildnis schienen ihm freier, edler, menschlicher zu sein als die Geschöpfe der bürgerlichen Gesellschaft, ein aufrechtes Geschlecht höherer Wesen, "Kings of the Frost", deren Tugenden sich im Kampf gegen elementare Naturkräfte herausgebildet hatten.

Waren sie nicht eine Art "Übermenschen", wie Nietzsche sie beschrieben hatte - Übermensch wurde in Amerika natürlich mit "Superman" übersetzt -, Übermenschen aber der edlen Art - aus Deutschland grüßt Karl May -, die Freunde der Guten und Feinde der Bösen waren?

Ein Wort zu Karl May: Während Karl May den Indianer gleichberechtigt, wenn nicht in Wahrheit überlegen - spirituell noch höher entwickelt - neben den weißen Supermann stellt, gibt es einen indianischen Supermann wie Winnetou bei Jack London nicht. Er betonte letztlich immer die Überlegenheit der weißen, insbesondere der anglo-amerikanischen Rasse.

Der Oldtimer, wie Jack London ihn idealisierte, war nicht nur stark und schlau genug, um in der Wildnis zu überleben, sondern hatte auch mehr Herz und Verstand als die meisten Newcomer, denen er vor allem an wirklichem Wissen überlegen ist, klaren Werten. Ein Oldtimer teilte immer und stahl nie, und man erkannte ihn sofort daran, daß er erst seine Hunde versorgte und dann erst sich selbst.

Rasch bricht der arktische Winter herein und wird das Schlüsselerlebnis Jack London´s während der neun Monate, die er in Alaska verbringt. Es mag wie ein Treppenwitz der Literaturgeschichte klingen, daß der bekannteste Alaska-Goldrausch-Schreiber so gut wie nichts über den Hauptzweck der Veranstaltung schrieb, die Suche nach Gold. Die fand eben hauptsächlich während des kurzen Sommers statt und brachte nichts als menschliche Schwächen ans Licht. Der Winter dagegen unterwarf alles einer gnadenlosen Auslese, in der nur das physisch wie moralisch Starke überlebt. Der wahre Mensch kommt hervor, sah Jack London, wenn Körper und Geist sich in extremen Herausforderungen bewähren müssen. Und das geschieht hier exemplarisch, wenn das weiße Schweigen sich über das frosterstarrte Land senkt, das so zum Symbol wird für die Nichtigkeit menschlichen Strebens und die Endlichkeit jeglicher Existenz.

Die Natur kennt viele Wege, um den Menschen von seiner Endlichkeit zu überzeugen - den unablässigen Wechsel der Gezeiten, die entfesselte Wut des Sturms, das Beben der Erde, das nachhallende Grollen der Himmelsartillerie -, das Schrecklichste aber, das Betäubendste überhaupt ist das Weiße Schweigen, in dem nichts geschieht. Jede Bewegung erstirbt, die Luft wird klar, das Firmament ist messinggelb; das leiseste Flüstern wirkt wie ein Frevel, und der Mensch wird furchtsam, fährt beim Laut seiner eigenen Stimme erschreckt zusammen. Ein einsamer Fleck Leben, der die gespenstischen Wüsten einer toten Welt durchwandert, den sein Wagemut schaudern läßt und der erkennt, daß er ein Wurm ist, sonst nichts. Sonderbare Gedanken steigen ungerufen in ihm auf, und das Geheimnis aller Dinge will sich Gehör verschaffen. Die Furcht vor dem Tod, vor Gott, vor dem Universum überkommt ihn - die Hoffnung auf die Auferstehung und das Leben, die Sehnsucht nach Unsterblichkeit, vergebliches Streben der eingesperrten Seele -, wenn überhaupt, so ist der Mensch hier mit Gott allein.

Die Natur und den mit ihr ringenden Menschen zum großen Thema seiner Erzählungen gemacht zu haben, unterschied Jack London von den zahllosen anderen Alaska-Autoren jener Zeit, die in Goldgräberromantik schwelgten oder Räuberpistolen zum Besten gaben. London dagegen entdeckte das symbolische Potential des arktischen Naturraums, um vor diesem Hintergrund die bewegenden Themen seiner Zeit anzusprechen:

Wie stehen Individuum, Nation, Rasse zu ihrer jeweiligen Umwelt? In wieweit kann man von Freiheit sprechen, oder ist alles letztlich vorherbestimmt? Und vor allem: Ist Evolution im positiven Sinne denkbar, oder reduziert sich letztlich alles auf den nackten Kampf ums Dasein?

London´s Antwort auf diese Fragen fällt zwiespältig aus, weil er bei der Prägung des Lebens durch die Umwelt sowohl Progression als auch Regression als mögliche Entwicklungslinien sieht, je nachdem, welche Kräftekonstellation gerade zwischen Individuum und Umwelt am Werk ist.

Geht der Druck in die eine Richtung, dann haben wir Atavismus, die Rückkehr zum Barbarischen; geht er in die andere Richung: Domestizierung, Zivilisation.

Am klarsten hat London diese doppelte Perspektive auf prinzipiell mögliche Entwicklungstendenzen in seinen beiden berühmten Hunderomanen "Ruf der Wildnis" (1903) und "Wolfsblut" (1906) durchgespielt, wo im einen Fall ein zivilisierter Haushund als Reaktion auf brutale Herrenmenschen auswildert, im anderen Fall ein WolfsHund-Mischling unter dem Einfluß eines gütigen Herrn domestiziert wird.

Während seines Aufenthalts in Alaska waren Jack London philosophische Perspektiven durchaus präsent, er hatte sogar Darwin und Spencer im Reisegepäck. Während des langen Winters ist er Beobachter und vor allem Zuhörer, wenn die zum Nichtstun verdammten Männer in den Blockhütten beisammen hocken und Geschichten erzählen. Am aufmerksamsten hört er den Oldtimern zu, drängt die mit allen Wassern gewaschenen Experten des arktischen Lebens, immer neue Geschichten zum Besten zu geben, und auf diese Weise - mehr denn als durch eigene Erfahrung - wurde Jack London selbst zum Experten - jedenfalls so weit, daß er die Lebens- und Überlebensbedingungen in der weißen Wildnis so atemberaubend zu schildern vermochte, daß die Daheimgebliebenen hinterm Ofen wohlig fröstelten und die Heimkehrer vom Klondike-Goldrausch noch nach Jahrzehnten ins Schwärmen kamen.

Als im Frühjahr die Flüsse auftauen und über einhundertausend Menschen wie eine Sintflut über Alaska hereinbrechen, geht die Welt der Oldtimer in wenigen Wochen vor die Hunde, Mißtrauen und Faustrecht treten die Herrschaft an.

Jack London brach schon Anfang Juni 1898 seine Zelte am Klondike ab, krank und ohne eine Unze Gold gefunden zu haben. Als sich die Hauptmeute der Goldsucher auf ihren ersten Winter in Alaska einrichtet, sitzt er in Oakland schon wieder am heimischen Herd und schreibt Geschichten, die bald Millionen begeistern sollten. Es war die größte Bonanza, auf die ein Teilnehmer des großen Klondike-Goldrauschs gestoßen war.

Die Zeit hätte nicht günstiger sein können für den Start einer Karriere als Unterhaltungsschriftsteller. Der Zeitschriftenmarkt boomte* wie nie zuvor und die Leute warteten nur darauf, kurzweilig über das Eldorado im Lande des Frosts informiert zu werden. Es gab kaum jemanden mehr in Amerika, der nicht Freunde oder Verwandte in Alaska hatte und sich die bange Frage stellte, ob die wohl fit für die arktische Wildnis sein würden.

War bis dato die Magazinliteratur vom Schwulst des 19. Jahrhunderts geprägt, so schlug Jack London jetzt neue Töne an. Seinen Geschichten fehlte jede Goldgräberromantik und meist auch das Happy End, und mit kraftvollen Sätzen zerstreute er auch die letzten Illusionen, die sich jemand über die Lage seiner Lieben in dem fernen Land machen mochte.

Wer sich nicht vorstellen konnte, welche Gefahren ein Greenhorn am Polarkreis erwarten, brauchte nur "To Build a Fire" zu lesen, worin Jack London lakonisch beschreibt, wie ein Newcomer den weißen Tod erleidet, weil er den Rat eines Oldtimers in den Wind schlägt und bei fünfzig Grad unter Null ohne Partner aufbricht.

Die Leute mochten sich sagen, so dumm wird mein guter Bruder Billy, Onkel Tom oder der gute alte John schon nicht sein, aber dann konfrontierte sie Jack London´s Erzählung "In einem fernen Land" mit der Frage: würden Billy, Tom oder John auch das Herz und die moralische Stärke besitzen, um den psychischen Streß eines arktischen Winters durchzustehen?

Carter Weatherbee und Percy Cuthfert, Buchhalter der eine, der andere Feingeist, hat es aus ganz unterschiedlichen Gründen nach Alaska verschlagen, den einen aus Alltagsfrust, den anderen wegen seiner romantischen Ader. Schicksalhaft treffen sie in einer Gruppe von Männern aufeinander, die sich von Kanada aus über 2.000 Kilometer weit zu den Goldgründen am Klondike durchschlagen wollen. Es ist Knochenarbeit, endlose Märsche, Bootfahrten, Portagen, Lagerbau, wobei sich Carter und Percy bald als die Drückeberger und ewigen Nörgler der Gruppe erweisen.

Als der Winter einbricht, beschließt die Mehrheit, die Sache durchzustehen, nur Carter und Percy sind sich zum erstenmal einig und bleiben in einer verlassenen Blockütte zurück, neben der zwei Gräber an zwei frühere Bewohner erinnern. Die beiden arktischen Lebenskünstler richten sich´s auf´s gemütlichste ein, haben reichlich Verpflegungsvorräte und den Wald als unerschöpfliches Brennholzlager für den behaglichen Winterschlaf.

Die Sache läßt sich zunächst prächtig an, dann beginnen die beiden sich allmählich auf den Wecker zu gehen, dann bricht Futterneid aus. Als erstes wird der Zuckervorrat in zwei Hälften geteilt, später alles andere.

Zu all dem kam eine neue Schwierigkeit hinzu - die Angst des Nordens. Diese Angst ist das gemeinsame Kind der Großen Kälte und des Großen Schweigens und wird in der Dunkelheit des Monats Dezember geboren, wenn die Sonne endgültig hinter dem südlichen Horizont verschwindet. Sie reagierten unterschiedlich darauf, gemäß ihrer jeweiligen Natur. Weatherbee wurde ein Opfer plumpen Aberglaubens und versuchte nach Kräften, die Geister wiederauferstehen zu lassen, die da draußen in den beiden Gräbern ruhten.

Wenn Weatherbee nachts in seinen Alpträumen schrie, saß Cuthfert mit gezücktem Revolver im Dunkeln. Dafür konnte man am Tag sein irres Gelächter hören, wenn er die Wetterfahne auf dem Dach nicht aus den Augen ließ, die sich niemals bewegte, egal wohin er sie auch drehen mochte und dem dabei dämmerte, daß Heimat, Familie, das blühende Land im Süden gar nicht existierten, sondern nur ein verirrter Traum aus einem anderen Leben waren, und Percy Cuthfert fällt es wie Schuppen von den Augen, als er erkennt, daß Gott ihn auf einem weißen, eiskalten Planeten ausgesetzt hat, auf dem er mutterseelenallein mit dem durchgeknallten Weatherbee durch die unendliche Weite des Weltraums rast und jedesmal, wenn ihm das bewußt wird, zerreißt sein irres Gelächter das weiße Schweigen.

Weatherbee seinerseits spürt von Tag zu Tag deutlicher den Auftrag der beiden toten Waldläufer in sich, Percy Cuthfert zu töten und nähert sich ihm eines Tages mit der Axt in der Hand, eiskalten Blicks und schweigend wie das weite Land.

Der Geistesmensch dachte jetzt blitzschnell nach und bereitete sich auf einen Ausfall in Richtung der Smith & Wesson vor, die auf dem Bett lag. Während er den Wahnsinnigen scharf im Auge behielt, rollte er sich rückwärts auf die Schlafstelle und griff nach dem Schießeisen.
"Carter!"
Der Pulverdampf entlud sich direkt vor Weatherbees Gesicht, der aber schon seine Axt schwang und einen Satz vorwärts machte. Der Stahl fuhr tief in den unteren Teil der Wirbelsäule und Percy Cuthfert spürte, wie jedes Gefühl aus seinen Beinen wich.

Das war starker Tobak und es wurden Stimmen laut, die vor der Lektüre von Jack London´s brutalen und bluttriefenden Geschichten warnten, doch die Masse der Magazinleser war begeistert, die Verleger überboten sich gegenseitig, um den "Kipling of the Cold" einzukaufen, wie die Literaturkritiker Jack London nach dem damals meistgelesenen Autor bald nannten.

Als der "Atlantic Monthly" im Juli 1899 "An Odyssee of the North" annimmt, hat es Jack London geschafft.

Seine TochterJoan* würdigte später das unglaubliche Tempo der Reise ins Eldorado der Literatur, die da hinter ihrem Vater lag:

JOAN LONDON
Es war gerade einmal ein Jahr her, seit er vom Klondike nach Oakland zurückgekehrt war, krank und völlig abgebrannt. Und jetzt war eine Geschichte, die damals kaum mehr als ein Glimmen in seinem Kopf gewesen war, von einem Magazin akzeptiert worden, dessen literarischen Ansprüche die höchsten in ganz Amerika waren.

Was sich auch im Honorar niederschlug. Hatte Jack London noch vor wenigen Monaten mit 5 bis 10 Dollar pro Story begonnen, so zahlte der "Atlantic Monthly" jetzt 120 für die "Odyssee des Nordens", das Dreifache eines durchschnittlichen Arbeitermonatslohns. Literarische Reputation bedeutete London einiges, aber nur, wenn sie nicht mit ehrenvollem Nagen am Hungertuch einherging. Berühmt wurde sein Ausspruch:

If cash comes with fame, come fame; if cash comes without fame, come cash.

[Kommt Bargeld mit Ruhm, komme Ruhm; wenn nicht, dann Bargeld]
Joan London beschrieb, wie der zukünftige Lieblingsautor der amerikanischen Arbeiterklasse sein Metier mit nüchternen Augen sah:

JOAN LONDON
Schreiben sollte kein Mittel zum Selbstausdruck sein, sondern zum Lebensunterhalt. Mit erstaunlicher Mißachtung der Tradition hatte sich mein Vater ausgerechnet ein Gebiet zum Geldmachen ausgesucht, das bis dahin für den erhabensten Ausdruck menschlicher Gedanken und Aspirationen reserviert war. Selbst ein offen zur Schau gestelltes Verlangen nach Ruhm wurde mit hochgezogenen Augenbrauen betrachtet. Das zwanzigste Jahrhundert hat dies alles geändert, aber damals wurde Jack London´s Anschlag auf die Literatur zu dem einzigen Zweck, Geld zu machen, ungläubig verfolgt.

Nicht nur das. London´s Sozialistenfreunde - bürgerliche Intellektuelle, in deren Reihen Jack der einzige Arbeiter ist - London´s Sozialistenfreunde sind entgeistert, als sie hören, welches Ziel der Genosse Jack mit dem Schreiben verfolgt:

It´s money I want. Ich bin auf der Jagd nach Dollars, Dollars, Dollars.

Die erschrockenen Einwände, er setze seine Ideale aufs Spiel, konterte Comerade Jack gut gelaunt mit dem Hinweis auf den goldenen Löffel im Munde, mit dem die meisten seiner Kritiker geboren waren. Er jedenfalls wolle als geborener Proletarier die Kapitalisten in ihrem eigenen Spiel schlagen und damit beweisen, daß Sozialisten keine Schwächlinge und Versager sind, sondern es im Geldmachen mit den besten Boys der Gegenseite aufnehmen können - und genau dadurch werde er der Sache einen großen Propagandadienst erweisen.

Die Genossen vergessen ihre Bedenken, als sie fast über Nacht eine waschechte Berühmtheit in ihren Reihen begrüßen dürfen. Jack genoß die plötzliche Bewunderung und hielt in den vornehmsten linken Klubs San Franciscos Reden über Themen wie "Der Kampf ums Überleben", "Die Expansionspolitik" oder "Die Frage des Maximums". Mit "Was die Kommunen durch das Wettbewerbssystem verlieren" gewinnt er einen Artikel-Wettbewerb des "Cosmopolitan Magazine". Das Preisgeld von 200 Dollar - nach heutigem Gelde knapp 10.000 Mark - läßt den neuen Star am roten kalifornischen Himmel jubilieren, daß er der einzige in ganz Amerika sei, der Geld aus Sozialismus machen könne.

Es ging nun in atemberaubendem Tempo aufwärts mit Jack London. Er knackt ein Magazin nach dem anderen, darunter vor allem die großen, landesweit verbreiteten Blätter der sich formierenden Pressekonzerne wie Hurst und McClure, die ihm Spitzenhonorare dafür zahlen, daß er ihre Leser mit Topstories und spannenden Fortsetzungsromanen bei der Stange hält. Das Zeitschriftengeschäft war Big Business geworden und es wurde mit harten Bandagen um Auflagen gekämpft - und um Honorare. Jack London war in diesem "Fernsehen der Jahrhundertwende" das, was man heute einen Quotenbringer nennen würde - und sah sofort, was für einen Auflagengaranten wie ihn das Wörtchen "Marktwert" in der neuen Magazinkultur bedeutete: Dollars, Dollars, Dollars.

Das Schicksal meinte es gut mit Jack London. Er war der rechte Mann zur rechten Zeit am rechten Ort, als die Billig-Magazine als erstes Massenmedium Amerika überschwemmten. Wer sollte besser den Geschmack jener neu gewonnen Leserscharen kennen, als ein Mann aus der Arbeiterklasse? London schrieb ganz gezielt für den Appetit der Massen auf spannendes Lesefutter, das ohne bildungsschwangere Umschweife zur Sache kommt. In "Martin Eden", seinem autobiografischen Roman von 1909, spricht der Schriftsteller Eden aus, was Jack London am Herzen lag:

Es war immer das große, universelle Motiv, das ihm den Grundriß für seine Geschichten eingab, die von echten Charakteren handeln sollten, in einer echten Welt unter echten Bedingungen. Aber unter der "swing and go"-Oberfläche der Story sollte etwas anderes verborgen liegen - etwas, das der oberflächliche Leser gar nicht bemerken würde und das doch zugleich Spannung und Vergnügen auch dieses Lesers nicht schmälern sollte.

Der ungeschminkte Realismus war neu und aufregend an Jack London´s Alaska-Stories. Was ihn dabei zum herausragenden Autor der neuen Magazinkultur machte, war sein literarisches Niveau in einer Welt von Schund und Mittelmaß. Seine Stories hoben sich durch Tiefgang heraus, sprachen unterschwellig die Themen der Zeit an - und, sie trafen in ihrer kraftvollen, klaren Sprachmelodie voll den Ton des anbrechenden 20. Jahrhunderts:

Crack! Crack! -- they heard the familiar music of the dogwhip, the whining howl of the Malemutes, and the crunch of a sled as it drew up to the cabin. Conversation languished while they waited the issue.

"An old-timer; cares for his dogs and then himself," whispered Malemute Kid to Prince, as they listened to the snapping jaws and the wolfish snarls and yelps of pain which proclaimed to their practiced ears that the stranger was beating back their dogs while he fed his own.

Then came the expected knock, sharp and confident, and the stranger entered. Dazzled by the light, the Frost King just stepped in out of the night.
 
 

Man glaubt förmlich, die Strophe eines Popsongs zu hören, und Jack London war ja irgendwie auch einer der Ahnherren heutiger Popstars.

Als er ins Rampenlicht der Öffentlichkeit tritt, beginnt gerade die Epoche der Blitzlichtgewitter, die eine Celebrity allerorten empfangen, deren Foto dann anderntags überall zu sehen ist. Die junge Medienwelt war gerade druck-, kommunikations- und vertriebstechnisch so weit, alle Amerikaner im Geiste zu vernetzen und simultan an einem gemeinsamen Informationshorizont auszurichten. Die neuesten Nachrichten und der aktuelle Klatsch und Tratsch waren nicht mehr regional beschränkt, sondern machten jetzt in Windeseile die Runde - durch alle Köpfe des riesigen Landes.

Damit wurde auch der popular Star geboren, dessen Griff nach den Sternen von allen verfolgt wird, der in aller Munde ist und den jeder von Angesicht kennt.

Londons kometenhafter Aufstieg vom gestrandeten Goldgräber zum schwerreichen Erfolgsschriftsteller war in den ersten Jahren des neuen Jahrhunderts eins der Paradebeispiele für die Erfüllung des amerikanischen Traums* - und, es machte als Erfolgsstory in den gleichen Blättern die Runde, in denen die Leute London´s Short-Stories lasen...

Popularity is the key-note, hatte Jack London früh erkannt, popularity pays.

[Popularität ist der Schlüssel, Popularität zahlt sich aus]
London begann, sein Leben auf den Titelseiten der Zeitungen zu führen, als einer der meistfotografierten Männer Amerikas. Mit sicherem Gespür für die Mechanismen der neuen Mediengesellschaft hatte er nicht nur den Wert sondern auch die Dialektik von Schlagzeilen erkannt: Positive Schlagzeilen allein machen den Braten nicht fett, da gehört noch ein handfester Skandal dazu, denn: Erst in der Polarisierung der öffentlichen Meinung heben sich die Widersprüche der Realperson in jenem profitablen Fabelwesen namens Massenidol auf, dessen Kapital seine mediale Allgegenwart ist.

Wie kein anderer Superstar seiner Zeit verkörperte Jack London die Widersprüche der Epoche. Nach den rasch verpufften Hoffnungen des Alaskagoldrauschs war Amerika wieder auf dem Boden der sozialen Tatsachen gelandet, erlebte erbitterte Arbeitskämpfe und einen heute längst vergessenen Boom der "Socialist Party", die sich im ersten Jahrzehnt des neuen Jahrhunderts zur drittstärksten Partei des Landes mauserte. Die meisten amerikanischen Linken waren davon überzeugt, daß eine sozialistische Gesellschaft wegen der fehlenden Feudalstrukturen zuerst in den USA entstehen werde - und, es würde selbstverständlich eine Wohlstandsgesellschaft sein, ein viel reicheres Amerika, als man es hatte - ein "American Eden"*.

Theodore Teddy RooselveltWenn es in dieser Aufbruchsstimmung eine Einzelperson gab, die mehr als irgendeine andere die Diskussion über das Für und Wider des Sozialismus in den USA popularisierte, dann war das Jack London. Nicht durch seine Natur- und Abenteuerbücher - deren erster deutscher Übersetzer übrigens Hermann Löns war -, sondern durch seine lautstarken Auftritte, das sympathisch rebellische Wesen und die Aura des großen weisen Oldtimers, der den weiten Weg vom Goldsucher zum Inbegriff des amerikanischen Sozialisten gegangen war, um für die enttäuschte Goldrauschgeneration nun einen fairen Anteil am Reichtum der Nation einzufordern - und dessen bloße Erwähnung Präsident "Teddy" Roosevelt* rot sehen ließ.

Dabei war Jack London doch ein Bilderbuchamerikaner, dem nichts mehr am Herzen lag als der amerikanische Traum, den er freilich - und da lag wohl der Haken für die politischen Hüter des "american way of life" - den er auch für die anderen einforderte - für´s ganze Land -, als er selbst an´s Ziel seiner Träume gelangt war.

Sozialismus als Erfüllung des amerikanischen Traums für alle - auf diese Kurzformel ließe sich vielleicht Jack London´s Sozialphilosophie bringen.
co-operative Commonwealth*

Den Spöttern gab der proletarische Glückspilz dabei eine prächtige Zielscheibe ab, wenn er z.B. im Pullmannwagen zu seinen gepfefferten Reden anreiste, in feines Tuch gehüllt und einen Lakaien im Schlepptau. Daß der trinkfeste Erfolgssozialist bei seinem kapitalen Lebensstil einen ebensolchen Schuldenberg anhäufte, erfüllte natürlich all jene mit Genugtuung, die schon immer gewußt hatten, daß Sozialisten nicht mit Geld umgehen können. Hatte dieser London nicht erst neulich gesagt:

Man gebe mir die Millionen, und ich werde die Verantwortung übernehmen.

Was den Leuten an Jack London trotz all seiner Eskapaden imponierte, war, wie er in der Stunde des Erfolgs nicht flugs die Seiten wechselte, sondern bei seiner Meinung blieb - die jetzt freilich landesweite Beachtung fand -, daß etwas faul sei im Staate Amerika. Erklärte ein Politiker, Streikbrecher seien die wahren amerikanischen Helden, dann hörte die Nation prompt von Jack London, daß es amerikanische Lumpen sind. Und wenn der Präsident verkündete, in den USA gäbe es gar keinen Klassenkampf, rief Jack London: "Der Präsident hat keine Ahnung".

Das wütende Presseecho auf solche Einwürfe war Wasser auf London´s Public Relations Mühlen. Sein Marktwert stieg im Gleichschritt mit seinem Image als glühendem Sozialisten, den so uramerikanische Tugenden zieren wie Mut, Gerechtigkeitssinn und Zivilcourage.

Plötzlich aber verschwand Jack London für Monate aus dem Blick der Öffentlichkeit - und tauchte Anfang 1903 mit einem Buch wieder auf, das wohl niemand erwartet hätte: Statt eines neuen Schmökers aus dem Lande des Frosts präsentierte der "Kipling of the Cold" seinen Lesern ein Lehrstück über soziale Kälte, "Menschen des Abgrunds", einen Sozialreport in Erzählform über die Lage der Slumbewohner von --- London!

Als Undercover-Agent des Sozialprotests in der Stadt abzutauchen, deren Namen er trägt, fügte London´s Abenteurer-Image ein neues Glanzlicht hinzu. In Petticoat Lane staffiert er sich mit abgerissener Kleidung aus und verschwindet für sieben Wochen im Londoner East End - ein Goldstück als eiserne Reserve im Hosenbund und auf den Lippen die Geschichte vom arbeitslosen US-Matrosen.

Von allen meinen Büchern liebe ich "Menschen des Abgrunds" am meisten. Kein anderes Buch hat mich so viel Herzblut und Tränen gekostet wie diese Studie über die ökonomische Erniedrigung der Armen.

Indem er seinen kurzweiligen Augenzeugenbericht geschickt mit Statistiken und anderem Faktenmaterial untermauert, demonstrierte Jack London, daß Soziologie sich durchaus spannend und emotional aufrührend erzählen läßt - und begründete damit die investigative Sozialreportage als neue Literaturgattung, die bei uns später vor allem durch Kisch und Walraff zur Geltung kommt.

London´s Fazit aus seiner Erfahrung unter den Menschen des Abgrunds führte den verblüfften Leser dann wieder zum altbekannten Hauptthema des Autors zurück, Wildnis und Zivilisation: Wenn der Kapitalismus trotz seiner Vervielfachung der menschlichen Produktivkraft ein Millionenheer von Menschen am Hungertuch nagen läßt, was bitte ist dann für diese Menschen der Vorteil gegenüber der Lebensqualität ihrer steinzeitlichen Vorfahren?

Wenn die Zivilisation dem Menschen nichts Besseres bieten kann, dann gib uns brüllende, nackte Barbarei. Besser, ein Geschöpf der Wildnis und der Wüste, der Höhle und des primitiven Lagers, als eine erbärmliche Kreatur der Maschine und des sozialen Abgrundes.

Heißt das: Zurück zur Natur? Das jedenfalls ist Thema des Romans, den London nach seiner Rückkehr aus England in Angriff nimmt, "Ruf der Wildnis" - "The Call of the Wild" - ein Titel, der fortan wie ein Motto über London´s Leben und Werk stehen wird.

"The Call of the Wild" wird London´s All-Times-Bestseller und erzählt nicht von Aussteigern aus der Gesellschaft, sondern von einem Hund, der die Gesellschaft des Menschen verläßt. Buck, der ein angenehmes Hundeleben in einer Anwaltsfamilie in San Francisco führt, wird von Goldgräbern nach Alaska entführt und brutal zum Schlittenhund abgerichtet. Als Buck den Ruf der Wölfe vernimmt, regt sich das Blut der Vorfahren in ihm und zieht ihn von der schlechten Gesellschaft der Menschen weg in die Gemeinschaft eines Wolfsrudels.

Für die "Menschen des Abgrunds" gibt es keine Fluchtmöglichkeit in einen urtümlichen Naturzustand. Aber vielleicht für den einzelnen Menschen?

London packt die Sache wieder nicht vom naheliegenden Aussteigerthema sondern vom Individualismus her an und variiert im "Seewolf" das "Zurück-zur-Natur"-Thema im Sinne von "zurück zur eigenen Natur" und den Grenzen ihrer Durchsetzbarkeit.

Die Frage lag in der Luft. Überall in den Industriestaaten war von "Zurück zur Natur" die Rede, von Selbstverwirklichung und Umwertung alter Werte. In Deutschland waren da z.B. Hermann Hesse, Hermann Löns, Wandervogel, Karl May. In Amerika: Jack London, der nach den Grenzen eines schrankenlosen Individualismus fragt, ein Topthema im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Der Gewaltmensch Wolf Larsen, der als "Seewolf" das Recht des Stärkeren für sich in Anspruch nimmt, scheitert letztlich -- weil ihm die Liebe fehlt. Der Eintritt von Charmian Kittredge* in London´s Leben und Werk wird spürbar.

Der "Seewolf" wird das Modebuch des Jahres 1905, das für die Linken unter dem Stern der russischen Februarrevolution steht. Bei den stets zu Optimismus aufgelegten Ami-Genossen weckten die Ereignisse in Rußland und ihre eigenen, jüngsten Wahlerfolge Zukunftsträume, in denen ein Sozialist im Weißen Haus eine tragende Rolle spielt.

Der eine oder die andere mochte sich dabei Jack London vorgestellt haben, der im Herbst 1905 jene viermonatige Vortragstournee antritt, in deren Verlauf er zum Medien-Helden der amerikanischen Arbeiterklasse mutiert, dessen Foto die Titelseiten der Zeitungen ziert, die vermelden, daß Mr. London die terroristischen Praktiken der russischen Revolutionäre ausdrücklich entschuldigt, den Kapitalismus zum Teufel gewünscht und unter dem tosendem Applaus Tausender gerufen habe:

Der Schlachtruf unserer Armee lautet: "Kein Viertel, kein fifty-fifty!" Wir wollen alles.

Niemand hätte sich träumen lassen, daß der Hitzkopf da oben auf dem Podium in Gedanken längst auf hoher See war!

Charmian - Yoko LondonJack London aber hatte die Frau seines Lebens gefunden - und war von Kopf bis Fuß auf Zurück zur Natur eingestellt.

Charmian Kittredge war eine geborene Frohnatur, vor allem aber war sie eine unglaublich wagemutige Frau und Gefährtin, die Jack London "mit dem Mut eines Mannes" bis ans Ende der Welt zu begleiten schwor. Sieben Jahre auf den sieben Weltmeeren! Charmian brach bei dieser Idee ihres Seewolfs in Jubel aus - London´s Ehefrau Bessie wäre bloß in Ohnmacht gefallen.

Miss Kittredge war aber auch die Femme hinter dem fatalen, kitschigen zweiten Teil des "Seewolfs", der eine Wende in London´s Werk markiert.

Als bekannt wird, daß Jack London der Revolution davonsegeln will, geht ein Raunen durch Amerika. Das Projekt steht von Anfang an unter keinem guten Stern: Wenige Stunden vor der geplanten Kiellegung der Superyacht "Snark" im Hafen von San Francisco, legt das große Erdbeben am Morgen des 18. April 1906 die Stadt in Schutt und Asche! Auch danach geht es Schlag auf Schlag, die "Snark" wird ein Dollargrab - und ihr Bau ein Medienereignis, das die Nation gut ein Jahr lang auf Jack London eingestimmt hält. Zum Schluß singt ganz Amerika Spottverse, deren Tenor die Frage ist, ob der Seewolf sich mit seinem Eigenbau wohl je auf hohe See trauen wird.

Während die einen Jack London entzückt durch den Kakao ziehen, jammern andere über die Wahnsinnskosten der "Snark", die doch einem invaliden Arbeiter eine lebenslange Rente sichern würden. London streicht angesichts  solcher Knickrigkeiten nur verliebt über die Planken seiner Arche Noah und erklärt den Reportern:

Den Bug der "Snark" sehen, heißt, die Kosten verstehen!

Die Nation lacht schallend über den "Millionaire Socialist", Freunde und Geschäftspartner nehmen ihn beim Bootsbau nach Herzenslust aus, der Seewolf aber schreibt inmitten dieses Tohuwabohus "Die Eiserne Ferse", einen Roman über die Zukunft des Klassenkampfs, die er in tiefroten Farben malt. Er teilt nicht den Optimismus der meisten Genossen, die an den friedlichen Sieg des Sozialismus durch freie Wahlen glauben. Die herrschende Klasse werde das Feld nicht kampflos räumen und eher die Verfassung abschaffen als sich abwählen lassen.

"The Iron Heel" war als Hauptwerk geplant, als Vermächtnis, das vielleicht auch späteren Generationen erklären sollte, warum Jack London als "Working Class Hero" nicht länger zur Verfügung stand: Er wollte lieber Segeln gehn, als sich an die Wand stellen lassen.

Der ruinöse Bootsbau mit seinen täglichen Ablenkungen ruinierte auch ein bißchen das Buch, das sich nicht recht zu jenem Polit-Thriller runden will, der London eigentlich vorschwebte. Was dieses Buch dennoch zu einem linken Bestseller werden ließ, war der politisch-prophetische Gehalt der "Eisernen Ferse", zu deren 30. Erscheinungsjahr Trotzki 1938 schrieb:

TROTZKI
Man kann mit Sicherheit sagen, daß 1908 keiner der revolutionären Marxisten, auch nicht Lenin und Rosa Luxemburg, sich die unheilvolle Perspektive, die sich aus der Allianz von Finanzkapital und Arbeiteraristokratie ergab, in ihrer vollen Tragweite haben vorstellen können.

Der Name "Eiserne Ferse" steht für die Finanzoligarchie Amerikas, die die Verfassung prompt außer Kraft setzt, als sie ihre Macht durch die Wahlergebnisse bedroht sieht. Als immer mehr Sozialisten in den Kongreß gewählt werden, läßt die Eiserne Ferse die "schwarzen Hundertschaften" aufmarschieren und errichtet ein totalitäres Regime.

Wenn man den Roman liest, schrieb Trotzki 1938, traut man seinen Augen nicht: Es ist exakt das Bild des Faschismus, seiner Ökonomie, seiner Regierungstechnik, seiner politischen Psychologie, welches hier die kraftvolle Intuition des revolutionären Künstlers entwarf.

Held des Romans ist Ernest Everhard, "Philosoph der Arbeiterklasse", eine "menschliche Bombe":

[mit ironischer Emphase]
Sein Gesicht glühte von edler Leidenschaft, seine Augen blitzten und flammten, Kiefer und Kinn drückten Angriffslust aus.
Er war ein Übermensch, eine blonde Bestie, wie sie Nietzsche beschrieben hat, zugleich aber war er entflammt für die Demokratie.

Everhard, der Jack London´s Gedanken ausspricht, seine Reden hält und wie dieser in Glen Ellen wohnt, stellt sich an die Spitze des Aufstandes und verliert sein Leben in den Kämpfen der Chicagoer Kommune.

Als "Die Eiserne Ferse" erscheint und daheim hohe Wellen schlägt, schwimmen Jack und Charmian mit einer fröhlichen Crew guter Freunde längst auf hoher See.

Jack London schreibt an Bord der Snark Martin EdenJack London steht - trotz aller hämischen Abschiedsmusik - auf dem Gipfel seines Ruhms. Tausende von Leuten hatten ihm geschrieben, daß ihr Lebenstraum sich mit dem seinen decke und sie nichts lieber täten, als auf der "Snark" die schnöde Gesellschaft hinter sich zu lassen. Leider war das Boot ein bißchen klein für alle, aber hätte Jack London damals zu einem neuen Goldrausch aufgerufen, Hunderttausende wären seiner Fahne gefolgt. Und wenn es die der Revolution gewesen wäre...?

Es ist Spätsommer 1907, jenes Jahres, in dem Stalin eine Bank in Tiflis ausraubt, Lenin außer Landes flieht und Rasputin Zugang zum Zarenhof fand, als Jack London durch´s Goldene Tor - The Golden Gate - in den Pazifik hinaus segelt, hinter sich einen Berg Schulden, und vor sich ein kleines Problem: das Fabelboot leckt.

Der liebe Gott muß es gut mit uns gemeint haben, schrieb er später in einem launigen Reisebericht, denn wir hatten so lange ruhiges Wetter, bis wir kapierten, daß wir jeden Tag pumpen mußten, um uns oben zu halten.

Mit viel Glück erreicht der Seewolf - der sich das Navigieren erst auf hoher See beibringt - nach vier Wochen Hawaii, wo ihnen nicht nur Hulamädchen um den Hals fallen, sondern auch wildfremde Leute mit Zeitungen in Händen und Tränen in den Augen.
"London lebt!" ging als Drahtnachricht um die Welt, nachdem tags zuvor noch sein Untergang gemeldet worden war.

Als Jack London von Hawaii aus - wo die Snark wasserdicht gemacht worden war - mit Kurs Südost in See sticht, schütteln die Leute den Kopf, denn noch nie hatte ein Segelboot diese Route in die Südsee gewählt, die aufgrund kreuzender Passatwinde und äquatorialer Strömungen als schlichtweg unmöglich zu segeln galt.

Aber das Unmögliche konnte die "Snark" nicht schrecken - namentlich wohl auch deshalb, weil wir diesen kleinen Abschnitt der Fahrwasserbeschreibung erst lasen, als wir schon ein paar Tage auf hoher See waren.

London hatte diesen Kurs gewählt, weil es der direkte Seeweg zu den gut 2.000 km südöstlich gelegenen Marquesa-Inseln war, wo sein Idol Herman Melville 1842 das Paradies der Südseeinseln erstmals betreten hatte, acht Jahre, bevor er "Moby Dick" schrieb.

Als es nach acht Wochen noch immer kein Lebenszeichen vom Seewolf gibt, erscheinen erste Nachrufe auf den "berühmten Bestsellerautor, glühenden Sozialisten und distinguierten Abenteurer", dem seine sympathische Natur nun doch zum Verhängnis geworden war.

Am Tag des heiligen Nikolaus - des Nothelfers der Seeleute (und des Heiligen, der drei Goldklumpen an die Armen verschenkt!!!) -, am Nikolaustag 1907, nach 60 Tagen ohne Land oder Segel in Sicht, steuert Jack London die Snark in eine der Buchten von Nuka Hiva, der Hauptinsel der Marquesas.

On the morning of December 6, at five o´clock, we sighted land just where it ought to have been - dead ahead.

We passed to leeward of Uahuka, skirted the southern edge of Nuka-Hiva, and that night, in driving squalls and inky blackness, fought our way in to an anchorage in the narrow bay of Taiohae. [Ta-i-o´háy]

Fast ein Jahr lang gondelt die "Snark" in der Südsee umher (Seite aus dem Logbuch), London streift durch die Tropentäler, die Melville in "Typee" beschriebden hatte, seiner ersten Erzählung. Doch dann zwingt eine Tropenkrankheit den Paradiessucher zur Aufgabe. Er verkauft die "Snark" für ein Spottgeld in Australien und kehrt im Juli 1909 nach Kalifornien zurück, etwas angeschlagen aber keinesfalls kleinlaut.

London war am Ende, darüber war sich alle Welt klar. Der Mann war von gestern, der Klondike-Goldrausch über zehn Jahre her. Doch so leicht war der Seewolf nicht unterzukriegen, tatsächlich steuerte er überhaupt erst auf seine fettesten Jahre zu. Nicht nur, daß Jack London als notorischer Trinker mit "König Alkohol" eine Bibel der Prohibitionsbewegung schrieb. Auch "Burning Daylight", "Moon Valley" und "Little Lady of the Big House" werden Bestseller - wenn auch teils etwas rührselige -, in denen Jack London dem Proletariat die Landwirtschaft als das Goldene Tor zum Glück anpreist.

Der große weise Oldtimer will auch gleich praktisch vormachen, wie der Garten Eden funktioniert. Man muß nämlich nur auf dem neuesten Stand der Technik und zugleich auf der Höhe der Wissenschaft sein, um der Natur auf jene Sprünge zu verhelfen, die von Anbeginn in ihr stecken. Zurück zur Natur diesmal durch Agrikultur, das war der Ausweg für die Menschen des Abgrunds, für die der Ruf der Urnatur keine ernstzunehmende Alternative war wie für den Hund Buck.

London baut seine Ranch zur Musterfarm aus, auf der er zeitweise über hundert Leute beschäftigt, eine Musterfarm, die zum Gaudium der umliegenden Farmer mit dem Neusten vom Neuen neue Dimensionen der Landwirtschaft erschließen soll.

der schönste Silo KaliforniensLondon hatte die modernsten Silos weit und breit, die dollsten Stiere, Stuten und Hengste - und den ersten gekachelten Schweinestall Kaliforniens, der als "Pig-Palace" in den Volksmund einging.

Die wissenschaftlich betriebene Landwirtschaft ist nicht eben billig, und obwohl London mehr einnahm, als irgendein anderer Autor sonst auf der Welt, wuchs sein Schuldenberg nur in umso schwindelerregendere Höhen. Es war wie ein Trick, mit dem der "Millionaire Socialist" dafür Sorge trug, immer nur Besitzer, nie Eigner seiner weltlichen Güter zu sein - das waren die Banken. So blieb London rein formal der arme Schlucker, dem nicht mal der Dreck unter seinen Nägeln gehört.

Dieser Trick zwang Jack London zugleich zu einem wahrhaft proletarischen Arbeitspensum, wollte er nebenbei auch bequem leben. Um dem stets über ihm schwebenden Ruin zu entgehen, schwitzt London jetzt genausoviele Stunden täglich am Schreibtisch wie einst in der Fabrik. So blieb auch das Befreiungsinstrument Schreiben Fron und Entfremdung, nackter Überlebenskampf des Lohnsklaven, aus dem London sich ironischerweise nie zu befreien vermochte. Auch in punkto Ausbeutung blieb er so seinen proletarischen Wurzeln treu - indem er sich selbst ausbeutete.

Die Farm wird ein ökonomisches Desaster, ein Dollargrab wie die Snark. Dennoch steht Jack London 1913 auf dem Höhepunkt des Erfolges, es regnet förmlich Dollars, Dollars, Dollars.

Und doch ist es ein Katastrophenjahr: der Zuchthengst stirbt, der Zuchtbulle stirbt, Charmians Baby stirbt. Jack erkennt, daß er nie einen Sohn haben wird. Dann brennt auch noch das neuerbaute "Wolfshaus" ab, das der Palast des großen weisen Odtimers hatte werden sollen, mit viel Holz, Naturstein und Fachwerk. "The Ruin", wie Jack London das rußgeschwärzte Torso fortan nur noch nannte, stand irgendwie auch für den Ruin.

JOAN LONDON
Am Ende blieb ihm all das versagt, wonach sich sein Herz am meisten gesehnt hatte und das doch nicht zu kaufen war.

London´s Tochter Joan* sprach später immer vom "katastrophalen Erfolg" ihres Vaters, eines Erfolgs, der Mißerfolg war, weil er die Blüte des Menschen und Künstlers Jack London verhindert habe:

JOAN LONDON
Der Erfolg war zu früh gekommen, und zu rasch. In dieser raschen Erfüllung der einzigen Ambition, die er bis dahin formuliert hatte - nämlich durchs Schreiben dem Arbeiterdasein entkommen zu wollen - in der prompten Wunscherfüllung lag die Saat der letztendlichen Tragödie, die über ihn kam, als er plötzlich alles kaufen konnte, was sein Herz nur begehrte. Alles, was die Armut ihm versagt hatte, wollte er jetzt haben, und ein unfreundliches Geschick erfüllte seine Wünsche mit wahrhaft verschwenderischer Hand.

Joan war London´s Tochter aus erster Ehe und drei Jahre alt, als nach den ersten größeren Erfolgen eine Wesensveränderung ihres Vaters spürbar wird.

JOAN LONDON
Ganz allmählich kroch in seine Art sich zu geben eine Bestimmtheit und Selbstan-maßung, die in sonderbarem Kontrast zu der unaufdringlichen Art stand, die ihn bis dahin gekennzeichnet hatte. Es war, als wolle er durch lautstarkes Bekunden seiner Meinungen und Zwecke die Zweifel übertönen, die an ihm genagt haben müssen.

Diese Zweifel betrafen die Zwickmühle, in die ihn das Nebeneinander von Karriere und sozialistischen Überzeugungen gebracht hatte.

Ein halbes Jahr vor seinem Tod verläßt Jack London die "Socialist Party of America", weil sie ihm nicht genug Mumm in den Knochen habe.

Als der 40jährige krank und ausgebrannt am 22. November 1916 stirbt, kann nicht mit letzter Gewißheit geklärt werden, ob es nicht vielleicht doch ein verkappter Selbstmord war, wie manche munkeln. Jedenfalls blieb Jack London in prinzipienstrengen Kreisen noch lange das Musterbeispiel für einen, dem die Erfüllung des amerikanischen Traums schlecht bekommen war.

Man konnte das Lebenswerk auch unter anderem Blickwinkel sehen. Dreizehn Jahre nach London´s Tod schrieben die kommunistischen "New Masses" 1929:

Ein wirklich proletarischer Schriftsteller darf nicht nur über die Arbeiterklasse schreiben, sondern muß auch von ihr gelesen werden. Jack London war ein wirklich proletarischer Schriftsteller - der erste und bis heute einzige proletarische Schriftsteller von Genius, den Amerika hatte. Arbeiter, die lesen, lesen Jack London. Er ist der einzige Autor, den alle gelesen haben, er ist die literarische Erfahrung, die alle teilen. Er ist der populärste Schriftsteller der amerikanischen Arbeiterklasse.

In der Sowjetunion war Jack London bis zuletzt der meistgelesene Autor aus dem Lande des Erzfeindes. Auf dem Nachttisch in Lenin´s Sterbezimmer liegt noch immer der Band Jack-London-Geschichten, aus dem Nadja Krupskaja dem scheidenden Revolutionsführer zwei Tage vor seinem Tod ein letztes Mal vorlas, die Erzählung "Liebe zum Leben".

NADJA KRUPSKAJA
Es war eine sehr gute Geschichte. In einer unwirtlichen, nordischen Einöde, in die noch nie ein Mensch Fuß gesetzt hatte, versucht ein kranker, verhungernder Mann einen rettenden Hafen zu erreichen. Seine Kräfte verlassen ihn, er kann nicht mehr laufen, sondern kriecht nur noch vorwärts - und auf seiner Spur kriecht ihm ein kranker, verhungernder Wolf hinterher. Schließlich kommt es zum Kampf zwischen beiden.

Er lag bewegungslos auf dem Rücken und hörte den hechelnden Atem des kranken Wolfs, der ihm immer näher rückte. Eine Unendlichkeit lang kam er näher, doch der Mann rührte sich nicht. Jetzt spürte er es dicht an seinem Ohr. Die rauhe, trockene Zunge schabte wie Sandpapier über seine Wange. Seine Hände schossen nach vorn - oder vielmehr, sein Wille befahl es ihnen. Die Finger waren zu Krallen gekrümmt, aber sie bekamen nur Luft zu fassen. Schnelligkeit und ein sicherer Griff setzen Kraft voraus, und diese Kraft fehlte dem Mann.

Die Geduld des Wolfs war grauenhaft. Die Geduld des Mannes aber auch. Einen halben Tag lang lag er bewegungslos, kämpfte mit der Bewußtlosigkeit und wartete auf das Etwas, das an ihm satt werden und an dem er sich sättigen wollte. Manchmal schugen die Fluten der Mattigkeit über ihm zusammen, und er träumte endlose Träume; doch gleichzeitig, wachend wie träumend, wartete er auf den röchelnden Atem und die rauhe Liebkosung der Zunge des Wolfs.

Er hörte den Atem nicht, glitt aber langsam aus einem Traum in die Wirklichkeit zurück, als er die Zunge auf seiner Hand spürte. Er wartete. Der Fang schloß sich sacht; der Druck nahm zu; der Wolf setzte seine letzte Kraft ein, um die Zähne in die Beute zu schlagen, auf die er so lange gewartet hatte. Doch auch der Mann hatte lang gewartet, und jetzt umschloß seine zerbissene Hand den Kiefer. Während der Wolf sich matt zur Wehr setzte und die Hand den Kiefer energielos umklammerte, näherte sich die zweite Hand, um ebenfalls zuzupacken. Fünf Minuten später lag der Mann mit vollem Gewicht auf dem Wolf. Seine Hände hatten nicht mehr die Kraft, das Tier zu erwürgen, aber der Mann preßte das Gesicht an die Kehle des Wolfs, den Mund voller Haaren. Eine halbe Stunde später spürte er ein warmes Tröpfeln in seiner Kehle, wie geschmolzenes Blei.

Das Blut des Wolfs wird für den Mann Strom des Lebens, das Quentchen Kraft, das ihn überleben läßt.

NADJA KRUPSKAJA
Diese Geschichte gefiel Ilyich ganz außerordentlich. Am nächsten Tag bat er mich, ihm mehr von Jack London vorzulesen. Aber London´s starke Arbeiten sind mit erstaunlich schwachen vermischt. Die nächste Geschichte war völlig andrer Natur - voll bourgeoiser Moral. Ilyich lächelte und tat sie mit einer Handbewegung ab. Das war das letzte mal, daß ich ihm vorlas.
 
 
 
 

 


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