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Wie Sprache unter dem Druck
der Eiszeiten entstand
Wie und warum der Mensch irgendwann in grauer Vorzeit die "symbolische
Schwelle" übersprang und zu sprechen begann, ist eines der großen
Welträtsel, das noch der Entzifferung harrt.
Schon der Erwerb der Muttersprache im Kindesalter ist ein Wunder:
Während höhere geistige Fähigkeiten wie das kleine 1x1
noch schlummern, lernt jedes gesunde Menschenkind unabhängig von Intelligenz
und sozialem Umfeld seine Muttersprache in atemberaubendem Tempo perfekt,
ein System, das viel komplexer ist als alle Mathematik!
Dann aber - um die Zeit der Einschulung... - beginnt der Sprachlernquell
zu versiegen, so daß man später - trotz entfalteter Geistesgaben
- eine Fremdsprache nie wieder mit dieser Leichtigkeit lernt und nur schwerlich
perfekt.
Dabei würde man viel eher erwarten, daß eine so schwierige
Fertigkeit wie die Sprache z.B. erst am Ende der Pubertät voll angeeignet
wäre. Und wohl auch, daß es - wie bei der Mathematik - große
Unterschiede in der Beherrschung der Fertigkeit gäbe, daß manche
Leute grammatisch korrekt sprechen, andere aber mit den Regeln so ihre
Probleme haben. Aber nein, alle Muttersprachler beherrschen auch die schwierigeren
Konstruktionen ihres Idioms perfekt. So hat auch ein weniger heller Deutscher
mit der "chaotischen" Verbbehandlung des Deutschen kein Problem Beispiel,
die auch hochintelligente Ausländer selten ganz in den Griff bekommen.
Intelligenz spielt erst bei den sprachlichen Inhalten eine Rolle, während
das Regelsystem davon unabhängig perfekt erworben wird. Einzige Bedingung:
das Kind muß in der "Sprachlerngenie-Phase" ausreichend Muttersprache
zu hören bekommen.
Liegt in diesem paradoxen Verlauf des kindlichen Spracherwerbs ein
Hinweis auf den Spracherwerb der Menschheit?
Ein prinzipieller Unterschied liegt natürlich schon darin, daß
der reiche Input an schon vorhandener Sprache fehlte, als in irgendeiner
Affenmenschenhorde die erste Form einer Protosprache der Welt zu Ohren
kam. Diese Leute mußten bei Null anfangen.
Dennoch dürfte im phänomenalen Spracherwerb des Kleinkindes
zumindest ein Fingerzeig auf den Zeithorizont des menschheitlichen Spracherwerbs
liegen: Es muß ein früher gewesen sein. Eine so tief im menschlichen
Bioprogramm verwurzelte Fähigkeit, die nicht erlernt, sondern unwillkürlich
erworben wird, muß eine sehr lange Entwicklungsgeschichte haben.
ist Sprache ein "Instinkt"?
Die Mehrheit der Sprachforscher nimmt heute an, daß die menschliche
Sprachfähigkeit in irgendeiner Art angeboren sei, ähnlich einem
Instinkt, so daß Sprache nicht wirklich erlernt, sondern instinktiv
erworben wird. Im Gehirn müsse es ein angeborenes Grammatik-"Organ"
geben, das die abstrakten Grundprinzipien enthält, die allen Einzelsprachen
gleichermaßen zugrunde liegen - und mit deren Hilfe das Kind die
zunächst chaotischen Sprachmuster seiner Umgebung "scannt", um den
spezifischen Regeln seiner Muttersprache auf die Spur zu kommen. Nur wenn
die allgemeinen Prinzipien von "Sprache an sich" schon von Geburt an mitgeliefert
werden, lasse sich Tempo und Perfektion des kindlichen Spracherwerbs erklären.
Dem scheint nichts mehr hinzuzufügen, wäre da nicht ein kleines
Problem: Trotz fieberhafter Suche konnte bis dato kein Sprachorgan im Gehirn
entdeckt werden! Zwar sind schon seit über 120 Jahren zwei Sprachzentren
bekannt (Broca und Wernicke), die Einfluß auf das Hervorbringen
resp. Verstehen von Sprache haben. Diese ist aber als Ganzes (als Sprache
"an sich") bisher nirgends im Gehirn lokalisierbar.
Gerade subtilere grammatische Prozesse scheinen sich oft einer präziseren
Ortung zu entziehen. Problematisch ist z.B. - neben dem Fehlen "modulspezifischer"
Defizite -, daß die gleichen grammatischen Aufgaben je nach
Sprachtypus von unterschiedlichen Gehirnarealen verarbeitet werden können!Info
Das könnte gegen eine angeborene Universalgrammatik sprechen (wenn
auch nicht gegen angeborene Aspekte von Sprache).
Eines dieser beiden Sprachzentren ist für Spekulationen über
die Sprachevolution besonders interessant, da sich seine Herausbildung
im Menschengehirn grob datieren läßt: Das Broca-Zentrum
über dem linken Ohr, auch motorisches oder expressives Zentrum genannt.
Bei seiner Verletzung ist die Sprachhervorbringung vielfältig gestört,
aber nicht das Verstehen.
Die
Sprachursprungsforschung hielt daher den Atem an, als gegen Ende der
70er Jahre entdeckt wurde, daß ein sehr früher Vertreter
der Gattung Homo (Homo
habilis, Nr. 1470; knapp 2 Mio. Jahre) ein gegenüber Schimpanse
und Australopithecus deutlich vergrößertes Broca-Zentrum
gehabt haben muß. Es ist bis heute der älteste fossile Hinweis
auf das mögliche Alter von Sprache und erlaubt die These, daß
schon diese Urahnen mit erstmals deutlich vergrößertem Gehirn
über eine etwas pfiffigere Lautkommunikation verfügt haben
könnten als ihre Vettern mit den kleinen Hirnen und großen
Backenzähnen.
Daß man über
das Gehirn der Urmenschen
etwas weiß, verdanken wir dem Umstand, daß das Oberflächenrelief
des Gehirns in der Schädelinnenwand einen schwachen "Abdruck" hinterläßt.
Dadurch ließ sich nicht nur die Spur der klumpigen Verdickung des
Broca-Zentrums erkennen, sondern auch, daß sich schon vor mindestens
2 Mio., eher sogar 3 Mio. Jahren die spezifisch menschliche Grundform
des Gehirns herausgebildet hat, das "menschliche Muster":
Abb. Menschen/Schimpansengehirn Lewin
Menschen- und Schimpansengehirn haben zwar eine identische Grundstruktur
- Vorderhaupts-, Scheitel-, Seiten- plus Hinterhauptslappen -, die vier
Bereiche sind aber unterschiedlich gewichtet. Am auffälligsten: bei
Hominiden ist der Vorderhauptslappen relativ größer als bei
Schimpansen, der Hinterhauptslappen dagegen kleiner.
Dieses menschliche Muster zeigt sich schon bei den Australopithecinen,
deren Gehirngröße noch ungefähr der der Schimpansen entsprach.
Für diese "aufrecht gehenden Affen" und unmittelbaren Vorläufer
der Homo-Linie kann man deshalb schon eine etwas verbesserte Fähigkeit
zu Planung, Vorausschau, Entwicklung flexibler Verhaltensmuster, Aufmerksamkeit
u.ä. vermuten, als sie sich bei heutigen Schimpansen zeigt. Dies sind
alles Geistesfaktoren, die an der Entwicklung erster sprachartiger Muster
entscheidend beteiligt gewesen sein müssen.
Aus den Schädeln der ersten Vertreter der Gattung Homo läßt
sich also herauslesen, daß diese gerade erst dem Stamm der aufrechten
Affen entwachsenen Wesen vor rund 2 Mio. Jahren schon irgendeine Art urtümlicher
Sprache entwickelt haben könnten. Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte
dafür, wie sie geklungen und was sie geleistet haben könnte?
Die "Sprache" der Tiere
Sprache ist natürlich eine Weiterentwicklung tierischer Kommunikationsformen,
die Schreie der Affen verwandelten sich in kleinen Schritten - parallel
zur allmählichen Gehirn- und Intelligenzentwicklung - in Wörter,
die allmählich dann auch miteinander kombiniert wurden. Richtig?
Falsch! Die meisten Forscher sind sich heute darin einig, daß
menschliche Sprache mit tierischen Kommunikationssystemen eigentlich nur
den meistbenutzten, akustischen Kanal teilt, ansonsten aber etwas völlig
anderes ist. Das zeigt sich oberflächlich z.B. darin, daß wir
in bestimmten Situationen immer noch spontan "tierhafte" Laute wie Schreie,
Pfiffe, Lachen usw. äußern, ohne daß sie Teil unserer
sprachlichen Repertoires geworden wären. Solche eher instinktiven
Spontanäußerungen werden auch von völlig anderen Hirnregionen
gesteuert als der sprachliche Ausdruck.Info
Das völlig Anderssein von Sprache zeigt sich insbesondere in der
Fähigkeit, Dinge der Erfahrungswelt beliebig benennen und dadurch
v.a. auch Bezug auf nicht Gegenwärtiges nehmen zu können. Während
die Rufe der Tiere ganz der Situation des Augenblicks verhaftet sind und
innere Zustände repräsentieren, kann Sprache die Außenwelt
repräsentieren, selbst wenn das Angesprochene raumzeitlich nicht präsent
ist. Hierfür gibt es keine "Vorläufer" im Tierreich, etwa in
Gestalt simpler Sprachen.
Das Mittel, mit dem Sprache die Augenblicksgebundenheit tierischer Kommunikation
überwand, war symbolische Referenz, die Schaffung von Lautzeichen,
die im Geiste von Sprecher wie Hörer eine Vorstellung von etwas aufscheinen
lassen, unabhängig von dessen physischer Gegenwart.
Voraussetzungen: #
Primate
Vocal Communication ||
Marc Hauser
Primate Lab ||
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"Sprache" bei Tieren
Es sind nur ganz wenige Fälle bekannt, wo man Tieren
in freier Wildbahn Symbolgebrauch zusprechen kann.
Der
Bienentanz
Obwohl sie nur über das kleine Gehirn der Insekten
verfügen, teilen heimkehrende Bienen ihren Kolleginnen auf raffinierte
Art Lage und Qualität einer entfernten Futterquelle mit:
Die in den - stockdunklen - Stock heimkehrenden "Scouts"
vollführen auf der vertikalen Ebene einen Tanz, dessen Bewegungsmuster
andere Mitglieder des Schwarms über den Körperkontakt mitbekommen.
Dabei stehen zwei Grundsymbole zur Verfügung, mit der die Entfernung
zunächst in zwei Kategorien unterteilt wird, nah und fern:
Mit dem Kreistanz wird ein Vorkommen im Umkreis
bis knapp 100 m angegeben, ^?Richtung wird nicht angezeigt, Intensität
#, Art der Blüten durch anhaftenden Staub.
Mit dem Schwänzeltanz kann die Lage einer
Futterquelle in bis zu mehreren Kilometern Entfernung mit gut 80%iger Präzision
angegeben werden. Dazu beschreibt die Biene eine Acht auf der Wand des
Bienenkorbes, deren Mittelachse die Zielrichtung relativ zum Sonnenstand
angibt: Die Senkrechte steht auf der Wand des Bienenkorbes für die
Sonnenrichtung. Weicht die Tanzachse davon um einige Grad ab, liegt das
Ziel um ebenso viele Grade von der Sonne entfernt (auf die Ausflugrichtung
bezogen, s. Vollbild). Damit
ist aber erst die sonnenzugewandte Hälfte der Umgebung abgedeckt.
Um den ganzen Umkreis beschreiben zu können, dient die Laufrichtung
des Tanzes als Informatübermittler: Tanzt die Biene die Achse entlang
aufwärts, so symbolisiert das "auf die Sonne zu" (im Fall der Senkrechten:
direkt), schwänzelt sie abwärts, heißt das "von der Sonne
weg". Dauer des Tanzes und Anzahl der Schwänzelbewegungen symbolisieren
die Entfernung der Futterquelle, die Intensität des Tanzes sagt aus,
wie wünschenswert dieses Futter für den gesamten Stock ist (!).
Der Geruch des anhaftenden Fundes definiert die Art des Futters.
Einer der interessanten Aspekte des Bienentanzes ist der
Umstand, daß die Elemente dieses tierischen "Symbol"-Systems keinen
x-beliebigen Code darstellen, sondern mit bestimmten Eigenschaften des
Bezeichneten zu korrelieren scheinen: Der Kreistanz repräsentiert
den näheren Umkreis (als Symbol hätte es eine beliebige Tanzfigur
getan); die Richtung nach oben weist auf die am Himmel stehende Sonne (als
Symbol hätte auch die umgekehrte Richtung funktioniert); der Winkel
ist gar ein Abbild der Situation und die Geschmacksprobe bringt sogar die
Sache selbst ins Spiel - als "Symbol" für sich selbst.
Diese verschiedenen Repräsentationsebenen werden
uns später noch bei den Überlegungen zum Wesen des Symbols beschäftigen.
Sind
die beiden Bienentänze
nacheinander,
miteinander oder auseinander entstanden?
Weitere Informationen:
What the buzz
is all about || The
Bee Waggle Dance || dt. # || Honigbienen
||
Die
Alarmrufe der Meerkatzen
Diese kleinen ostafrikanischen Affen (Vervet monkeys)
verfügen über drei verschiedene Alarmrufe, mit denen sie
ihre drei Hauptfeinde "benennen" und so drei verschiedene Fluchtstrategien
bei den anderen Gruppenmitgliedern auslösen (Cheney/Seyfarth 141):
-
Leoparden-Alarm - Bellen - auf die Bäume;
-
Adler-Alarm - Husten - hochschauen und in die Büsche;
-
Schlangen-Alarm - "Chutter" - auf die Hinterbeine, orten
und evtl. attackieren.
Inwiefern diese Rufe einen Feind oder aber eine Fluchtreaktion
"benennen" ist eine interessante Frage, die uns ebenfalls noch beschäftigen
wird.
Vervet
Monkey Foundation
Letztlich stehen diese und andere Beispiele für sprachartige
Elemente aber ziemlich isoliert in der Tierwelt und stellen auch im Verhalten
der jeweiligen Art ein isoliertes Muster dar, das nicht Teil eines koordinierten,
regelgeleiteten Systems ist, das alle Lebensbereiche durchzieht. Tierische
Kommunikation findet normalerweise mittels feststehender Signale statt,
die nicht miteinander kombiniert werden zur Übermittlung neuer Bedeutungen
und in vorgegebenen Kontexten nur eine begrenzte Anzahl von Botschaften
entsprechend der Anzahl der Signale erlauben, variiert höchstens in
ihrer Intensität.
Symbolische Referenz und Syntax dagegen sind die beiden
Kernelemente von Sprache, die diese himmeltweilt von der Tierkommunikation
unterscheiden.
Was
Affen so zu sagen haben || Schimpansen-Schrei
|| Schimpansen-Rufe
Animal
Communication Resources
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Was Sprache gegenüber dem beschränkten Gebrauch vereinzelter
Mittel der tierischen Signalsysteme auszeichnet, ist die Fähigkeit,
"unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln" (W.v. Humboldt) zu machen.
Das läßt noch einmal grundsätzlich fragen:
Wie kamen unsere Vorfahren als Affenmenschen, die sich außer durch
ihren aufrechten Gang nur wenig von ihren Vettern, den Menschenaffen unterschieden,
dazu, ein Kommunikationssystem zu entwickeln, bei dem nicht mehr rund 3
Dutzend Lautäußerungen rund 3 Dutzend Bedeutungen transferierten,
sondern rund 3 Dutzend Laute, die für sich gar nichts bedeuten, so
kombiniert wurden, daß unendlich viele Bedeutungen ausgetauscht werden
können?
| Wie einer der Begründer der edlen Wissenschaft der Philologie
bemerkt, ist die Sprache eine Kunst, wie das Brauen und Backen; es würde
aber das Schreiben ein viel entsprechenderes Gleichnis dargestellt haben.
Sicher ist die Sprache kein echter Instinct, da eine jede Sprache
erlernt werden muß. Sie weicht indessen von allen gewöhnlichen
Künsten sehr weit ab, denn der Mensch hat eine instinctive Neigung
zu sprechen, wie wir in dem Lallen junger Kinder sehen, während kein
Kind eine instinctive Neigung zu brauen, backen oder schreiben hat.
Charles Darwin
Die Abstammung des Menschen (1871)
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