Sprachevolution  Stefan Etzel             14.7.98 
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Wie Sprache unter dem Druck der Eiszeiten entstand 
still under construction 
 

Wie und warum der Mensch irgendwann in grauer Vorzeit die "symbolische Schwelle" übersprang und zu sprechen begann, ist eines der großen Welträtsel, das noch der Entzifferung harrt. 

Schon der Erwerb der Muttersprache im Kindesalter ist ein Wunder:  
Während höhere geistige Fähigkeiten wie das kleine 1x1 noch schlummern, lernt jedes gesunde Menschenkind unabhängig von Intelligenz und sozialem Umfeld seine Muttersprache in atemberaubendem Tempo perfekt, ein System, das viel komplexer ist als alle Mathematik! 
Dann aber - um die Zeit der Einschulung... - beginnt der Sprachlernquell zu versiegen, so daß man später - trotz entfalteter Geistesgaben - eine Fremdsprache nie wieder mit dieser Leichtigkeit lernt und nur schwerlich perfekt. 

Dabei würde man viel eher erwarten, daß eine so schwierige Fertigkeit wie die Sprache z.B. erst am Ende der Pubertät voll angeeignet wäre. Und wohl auch, daß es - wie bei der Mathematik - große Unterschiede in der Beherrschung der Fertigkeit gäbe, daß manche Leute grammatisch korrekt sprechen, andere aber mit den Regeln so ihre Probleme haben. Aber nein, alle Muttersprachler beherrschen auch die schwierigeren Konstruktionen ihres Idioms perfekt. So hat auch ein weniger heller Deutscher mit der "chaotischen" Verbbehandlung des Deutschen kein Problem Beispiel, die auch hochintelligente Ausländer selten ganz in den Griff bekommen. Intelligenz spielt erst bei den sprachlichen Inhalten eine Rolle, während das Regelsystem davon unabhängig perfekt erworben wird. Einzige Bedingung: das Kind muß in der "Sprachlerngenie-Phase" ausreichend Muttersprache zu hören bekommen. 

Liegt in diesem paradoxen Verlauf des kindlichen Spracherwerbs ein Hinweis auf den Spracherwerb der Menschheit?  
Ein prinzipieller Unterschied liegt natürlich schon darin, daß der reiche Input an schon vorhandener Sprache fehlte, als in irgendeiner Affenmenschenhorde die erste Form einer Protosprache der Welt zu Ohren kam. Diese Leute mußten bei Null anfangen. 

Dennoch dürfte im phänomenalen Spracherwerb des Kleinkindes zumindest ein Fingerzeig auf den Zeithorizont des menschheitlichen Spracherwerbs liegen: Es muß ein früher gewesen sein. Eine so tief im menschlichen Bioprogramm verwurzelte Fähigkeit, die nicht erlernt, sondern unwillkürlich erworben wird, muß eine sehr lange Entwicklungsgeschichte haben. zum Seitenanfang 

ist Sprache ein "Instinkt"?  
Die Mehrheit der Sprachforscher nimmt heute an, daß die menschliche Sprachfähigkeit in irgendeiner Art angeboren sei, ähnlich einem Instinkt, so daß Sprache nicht wirklich erlernt, sondern instinktiv erworben wird. Im Gehirn müsse es ein angeborenes Grammatik-"Organ" geben, das die abstrakten Grundprinzipien enthält, die allen Einzelsprachen gleichermaßen zugrunde liegen - und mit deren Hilfe das Kind die zunächst chaotischen Sprachmuster seiner Umgebung "scannt", um den spezifischen Regeln seiner Muttersprache auf die Spur zu kommen. Nur wenn die allgemeinen Prinzipien von "Sprache an sich" schon von Geburt an mitgeliefert werden, lasse sich Tempo und Perfektion des kindlichen Spracherwerbs erklären. 

Dem scheint nichts mehr hinzuzufügen, wäre da nicht ein kleines Problem: Trotz fieberhafter Suche konnte bis dato kein Sprachorgan im Gehirn entdeckt werden! Zwar sind schon seit über 120 Jahren zwei Sprachzentren bekannt (Broca und Wernicke), die Einfluß auf  das Hervorbringen resp. Verstehen von Sprache haben. Diese ist aber als Ganzes (als Sprache "an sich") bisher nirgends im Gehirn lokalisierbar. 
Gerade subtilere grammatische Prozesse scheinen sich oft einer präziseren Ortung zu entziehen. Problematisch ist z.B. - neben dem Fehlen "modulspezifischer" Defizite  -, daß die gleichen grammatischen Aufgaben je nach Sprachtypus von unterschiedlichen Gehirnarealen verarbeitet werden können!Info  Das könnte gegen eine angeborene Universalgrammatik sprechen (wenn auch nicht gegen angeborene Aspekte von Sprache). zum Seitenanfang 

Eines dieser beiden Sprachzentren ist für Spekulationen über die Sprachevolution besonders interessant, da sich seine Herausbildung im Menschengehirn grob datieren läßt: Das Broca-Zentrum über dem linken Ohr, auch motorisches oder expressives Zentrum genannt. Bei seiner Verletzung ist die Sprachhervorbringung vielfältig gestört, aber nicht das Verstehen. 

Broca´s areaDie Sprachursprungsforschung hielt daher den Atem an, als gegen Ende der 70er Jahre entdeckt wurde, daß ein sehr früher Vertreter der Gattung Homo (Homo habilis, Nr. 1470; knapp 2 Mio. Jahre) ein gegenüber Schimpanse und Australopithecus deutlich vergrößertes Broca-Zentrum gehabt haben muß. Es ist bis heute der älteste fossile Hinweis auf das mögliche Alter von Sprache und erlaubt die These, daß schon diese Urahnen mit erstmals deutlich vergrößertem Gehirn  über eine etwas pfiffigere Lautkommunikation verfügt haben könnten als ihre Vettern mit den kleinen Hirnen und großen Backenzähnen. zum Seitenanfang 

Daß man über 
das Gehirn der Urmenschen  
etwas weiß, verdanken wir dem Umstand, daß das Oberflächenrelief des Gehirns in der Schädelinnenwand einen schwachen "Abdruck" hinterläßt. Dadurch ließ sich nicht nur die Spur der klumpigen Verdickung des Broca-Zentrums erkennen, sondern auch, daß sich schon vor mindestens 2 Mio., eher sogar 3 Mio. Jahren  die spezifisch menschliche Grundform des Gehirns herausgebildet hat, das "menschliche Muster": 

Abb.  Menschen/Schimpansengehirn Lewin  

Menschen- und Schimpansengehirn haben zwar eine identische Grundstruktur - Vorderhaupts-, Scheitel-, Seiten- plus Hinterhauptslappen -, die vier Bereiche sind aber unterschiedlich gewichtet. Am auffälligsten: bei Hominiden ist der Vorderhauptslappen relativ größer als bei Schimpansen, der Hinterhauptslappen dagegen kleiner. 

Dieses menschliche Muster zeigt sich schon bei den Australopithecinen, deren Gehirngröße noch ungefähr der der Schimpansen entsprach. Für diese "aufrecht gehenden Affen" und unmittelbaren Vorläufer der Homo-Linie kann man deshalb schon eine etwas verbesserte Fähigkeit zu Planung, Vorausschau, Entwicklung flexibler Verhaltensmuster, Aufmerksamkeit u.ä. vermuten, als sie sich bei heutigen Schimpansen zeigt. Dies sind alles Geistesfaktoren, die an der Entwicklung erster sprachartiger Muster entscheidend beteiligt gewesen sein müssen. 

Aus den Schädeln der ersten Vertreter der Gattung Homo läßt sich also herauslesen, daß diese gerade erst dem Stamm der aufrechten Affen entwachsenen Wesen vor rund 2 Mio. Jahren schon irgendeine Art urtümlicher Sprache entwickelt haben könnten. Gibt es irgendwelche Anhaltspunkte dafür,  wie sie geklungen und was sie geleistet haben könnte? 

Die "Sprache" der Tiere     
Sprache ist natürlich eine Weiterentwicklung tierischer Kommunikationsformen, die Schreie der Affen verwandelten sich in kleinen Schritten - parallel zur allmählichen Gehirn- und Intelligenzentwicklung - in Wörter, die allmählich dann auch miteinander kombiniert wurden. Richtig? 

Falsch! Die meisten Forscher sind sich heute darin einig, daß menschliche Sprache mit tierischen Kommunikationssystemen eigentlich nur den meistbenutzten, akustischen Kanal teilt, ansonsten aber etwas völlig anderes ist. Das zeigt sich oberflächlich z.B. darin, daß wir in bestimmten Situationen immer noch spontan "tierhafte" Laute wie Schreie, Pfiffe, Lachen usw. äußern, ohne daß sie Teil unserer sprachlichen Repertoires geworden wären. Solche eher instinktiven Spontanäußerungen werden auch von völlig anderen Hirnregionen gesteuert als der sprachliche Ausdruck.Info  

Das völlig Anderssein von Sprache zeigt sich insbesondere in der Fähigkeit, Dinge der Erfahrungswelt beliebig benennen und dadurch v.a. auch Bezug auf nicht Gegenwärtiges nehmen zu können. Während die Rufe der Tiere ganz der Situation des Augenblicks verhaftet sind und innere Zustände repräsentieren, kann Sprache die Außenwelt repräsentieren, selbst wenn das Angesprochene raumzeitlich nicht präsent ist. Hierfür gibt es keine "Vorläufer" im Tierreich, etwa in Gestalt simpler Sprachen. 

Das Mittel, mit dem Sprache die Augenblicksgebundenheit tierischer Kommunikation überwand, war symbolische Referenz, die Schaffung von Lautzeichen, die im Geiste von Sprecher wie Hörer eine Vorstellung von etwas aufscheinen lassen, unabhängig von dessen physischer Gegenwart.    Voraussetzungen: # 

Primate Vocal Communication || 
Marc Hauser Primate Lab || 

 
"Sprache"  bei Tieren 

Es sind nur ganz wenige Fälle bekannt, wo man Tieren in freier Wildbahn Symbolgebrauch zusprechen kann.  

Schwänzeltanz der BienenDer Bienentanz  
Obwohl sie nur über das kleine Gehirn der Insekten verfügen, teilen heimkehrende Bienen ihren Kolleginnen auf raffinierte Art Lage und Qualität einer entfernten Futterquelle mit:  
Die in den - stockdunklen - Stock heimkehrenden "Scouts" vollführen auf der vertikalen Ebene einen Tanz, dessen Bewegungsmuster andere Mitglieder des Schwarms über den Körperkontakt mitbekommen. Dabei stehen zwei Grundsymbole zur Verfügung, mit der die Entfernung zunächst in zwei Kategorien unterteilt wird, nah und fern:  

Mit dem Kreistanz wird ein Vorkommen im Umkreis bis knapp 100 m angegeben, ^?Richtung wird nicht angezeigt, Intensität #,  Art der Blüten durch anhaftenden Staub.  

Mit dem Schwänzeltanz kann die Lage einer Futterquelle in bis zu mehreren Kilometern Entfernung mit gut 80%iger Präzision angegeben werden. Dazu beschreibt die Biene eine Acht auf der Wand des Bienenkorbes, deren Mittelachse die Zielrichtung relativ zum Sonnenstand angibt: Die Senkrechte steht auf der Wand des Bienenkorbes für die Sonnenrichtung. Weicht die Tanzachse davon um einige Grad ab, liegt das Ziel um ebenso viele Grade von der Sonne entfernt (auf die Ausflugrichtung bezogen, s.  Vollbild). Damit ist aber erst die sonnenzugewandte Hälfte der Umgebung abgedeckt. Um den ganzen Umkreis beschreiben zu können, dient die Laufrichtung des Tanzes als Informatübermittler: Tanzt die Biene die Achse entlang aufwärts, so symbolisiert das "auf die Sonne zu" (im Fall der Senkrechten: direkt), schwänzelt sie abwärts, heißt das "von der Sonne weg". Dauer des Tanzes und Anzahl der Schwänzelbewegungen symbolisieren die Entfernung der Futterquelle, die Intensität des Tanzes sagt aus, wie wünschenswert dieses Futter für den gesamten Stock ist (!). Der Geruch des anhaftenden Fundes definiert die Art des Futters.  

Einer der interessanten Aspekte des Bienentanzes ist der Umstand, daß die Elemente dieses tierischen "Symbol"-Systems keinen x-beliebigen Code darstellen, sondern mit bestimmten Eigenschaften des Bezeichneten zu korrelieren scheinen: Der Kreistanz repräsentiert den näheren Umkreis (als Symbol hätte es eine beliebige Tanzfigur getan); die Richtung nach oben weist auf die am Himmel stehende Sonne (als Symbol hätte auch die umgekehrte Richtung funktioniert); der Winkel ist gar ein Abbild der Situation und die Geschmacksprobe bringt sogar die Sache selbst ins Spiel - als "Symbol" für sich selbst.  

Diese verschiedenen Repräsentationsebenen werden uns später noch bei den Überlegungen zum Wesen des Symbols beschäftigen.     


Sind die beiden Bienentänze
nacheinander, miteinander oder auseinander entstanden? 
 

Weitere Informationen:  
What the buzz is all about || The Bee Waggle Dance || dt. # || Honigbienen || 

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Vervet monkey  ---  MeerkatzeDie Alarmrufe der Meerkatzen  
Diese kleinen ostafrikanischen Affen (Vervet monkeys) verfügen über drei verschiedene  Alarmrufe, mit denen sie ihre drei Hauptfeinde "benennen" und so drei verschiedene Fluchtstrategien bei den anderen Gruppenmitgliedern auslösen (Cheney/Seyfarth 141):  

  • Leoparden-Alarm - Bellen - auf die Bäume; 
  • Adler-Alarm - Husten -  hochschauen und in die Büsche; 
  • Schlangen-Alarm - "Chutter" - auf die Hinterbeine, orten und evtl. attackieren. 
Inwiefern diese Rufe einen Feind oder aber eine Fluchtreaktion "benennen" ist eine interessante Frage, die uns ebenfalls noch beschäftigen wird.  

Vervet Monkey Foundation  

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Letztlich stehen diese und andere Beispiele für sprachartige Elemente aber ziemlich isoliert in der Tierwelt und stellen auch im Verhalten der jeweiligen Art ein isoliertes Muster dar, das nicht Teil eines koordinierten, regelgeleiteten Systems ist, das alle Lebensbereiche durchzieht. Tierische Kommunikation findet normalerweise mittels feststehender Signale statt, die nicht miteinander kombiniert werden zur Übermittlung neuer Bedeutungen und in vorgegebenen Kontexten nur eine begrenzte Anzahl von Botschaften entsprechend der Anzahl der Signale erlauben, variiert höchstens in ihrer Intensität. 
Symbolische Referenz und Syntax dagegen sind die beiden Kernelemente von Sprache, die diese himmeltweilt von der Tierkommunikation unterscheiden.  
 

  Was Affen so zu sagen haben ||  Schimpansen-Schrei || Schimpansen-Rufe 
Animal Communication Resources 
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Was Sprache gegenüber dem beschränkten Gebrauch vereinzelter Mittel der tierischen Signalsysteme auszeichnet, ist die Fähigkeit, "unendlichen Gebrauch von endlichen Mitteln" (W.v. Humboldt) zu machen. Das läßt noch einmal grundsätzlich fragen: 

Wie kamen unsere Vorfahren als Affenmenschen, die sich außer durch ihren aufrechten Gang nur wenig von ihren Vettern, den Menschenaffen unterschieden, dazu, ein Kommunikationssystem zu entwickeln, bei dem nicht mehr rund 3 Dutzend Lautäußerungen rund 3 Dutzend Bedeutungen transferierten, sondern rund 3 Dutzend Laute, die für sich gar nichts bedeuten, so kombiniert wurden, daß unendlich viele Bedeutungen ausgetauscht werden können? 

 
Wie einer der Begründer der edlen Wissenschaft der Philologie bemerkt, ist die Sprache eine Kunst, wie das Brauen und Backen; es würde aber das Schreiben ein viel entsprechenderes Gleichnis dargestellt haben.  

Sicher ist die Sprache kein echter Instinct, da eine jede  Sprache erlernt werden muß. Sie weicht indessen von allen gewöhnlichen Künsten sehr weit ab, denn der Mensch hat eine instinctive Neigung zu sprechen, wie wir in dem Lallen junger Kinder sehen, während kein Kind eine instinctive Neigung zu brauen, backen oder schreiben hat.  

Charles Darwin 
Die Abstammung des Menschen (1871)
 
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