| Köpfe
hinter den Ideen
über Sprachevolution & Lautsymbolik |
Stefan Etzel
14.10.98
Frankfurt a.M. Germany
|
|
Von Haus aus Hirnforscher und -chirurg, geht Deacon der Frage nach, was eigentlich so einzigartig an der menschlichen Sprache ist, daß man noch nicht einmal simpelste Übergangsformen im Tierreich findet. Sein Schluß: Es ist die Fähigkeit zur Symbolbildung. Diese muß seit dem Einsetzen der Eiszeitzyklen vor 2.5 Mio. Jahren und dem Beginn der Vervierfachung des Hominidengehirns virulent geworden sein - und muß sich in der einzigartigen Architektur des menschlichen Gehirns niedergeschlagen haben: Ähnlich wie Vogelflügel die Gesetze der Aerodynamik spiegeln, spiegelt Sprache die Gesetze des symbolischen Denkens. Der Untertitel des Buches - "The co-evolution of language and the brain" - deutet an, worauf Deacon hinaus will: Sprache und Gehirn müssen sich in gegenseitigem Wechselspiel herausgebildet haben. Deacon nimmt es bei seinen Thesen u.a. mit der heiligen Kuh der Linguistik der letzten 40 Jahre auf, nämlich der Ansicht, Sprache sei als angeborenes "Modul" im Gehirn des Menschen verdrahtet. Sein Hauptargument in diese Richtung basiert auf jüngsten Erkenntnissen der Gehirnforschung, wonach z.B. das Konzept "Vergangenheit" in unterschiedlichen Gehirnregionen verankert ist, je nachdem, ob die betreffende Sprache Vergangenheit durch phonetische Variation der Verben ausdrückt oder durch Wortstellung, Hilfverben usw. - je nach Sprachtypus also.
Die jüngsten Bücher von William H. Calvin sind "The Cerebral Code" und "How Brains Think". Zur Zeit arbeitet er mit Derek Bickerton an einem Buch über Sprachevolution, dessen Entwurf unter dem Titel "Lingua ex Machina" im Internet zur Diskussion gestellt ist. Calvin´s Homepage
ist im Übrigen eine Fundgrube. Hier findet man auch seine höchst
nachdenklich stimmenden Thesen zum Klimawandel: Der Treibhauseffekt könnte
Auslöser für eine plötzlich einsetzende neue Eiszeit sein
mit verheerenden Folgen v.a. für Europa.
Bickerton glaubt, daß der Mensch die längste Zeit seiner
Geschichte mit einer solchen simplen Sprache auskam und sich moderne Sprache
mit komplexer Syntax erst relativ spät - vor 40.000 Jahren vielleicht
- bei Homo sapiens sapiens entwickelte.
Eines der wichtigsten theoretischen Konzepte Bickertons ist die Unterscheidung zwischen "Primärem" und "Sekundärem Repräsentstions System" (PRS/SRS). Das PRS ist allen Lebewesen eigen, das SRS bedarf der menschlichen Sprache. Einzelheiten Zur Zeit arbeitet Bickerton mit William Calvin
an einem Buch über die Sprachevolution, dessen Entwurf unter dem Titel
"Lingua ex Machina" im
Internet zur Diskussion gestellt ist.
Steven
Pinker hat 1994 mit seinem Buch "The Language Instinct" (dt. #) einen
Beitrag der Chomsky-Schule zum Sprachursprungsproblem vorgestellt. Das
Dilemma, daß noch kein Sprachorgan im Gehirn entdeckt wurde, obwohl
von der Theorie her eines zu erwarten wäre, umschifft Pinker geschickt
durch das Instinkt-Konzept, das die Angeborenheitsthese auch bei Spekulationen
über den Sprachursprung aufrecht zu halten erlaubt. Das dünne
Ergebnis an Einsichten über den Sprachursprung steht etwas im Schatten
der Dicke des Buches, dessen unbestreitbares Verdienst es freilich ist,
komplexe Elemente der für Laien nur schwer gustierbaren Chomsky-Theorie
anschaulich und spannend darzustellen.
Pinker wird bisweilen als "Pop-Star unter den Linguisten" gefeiert. Website über Steven Pinker - sehr viele Infos; Links zu online-Texten A Talk with Steven Pinker Evolutionary Pop Star Noam Chomsky
1957 - im gleichen Jahr, als der Sputnik ein neues Zeitalter einläutete
- betrat Noam Chomsky mit "Syntactic Structures" die Bühne der Sprachwissenschaft,
die er bis heute beherrscht.
Chomsky´s allgemeinverständlichstes und zugleich wichtigstes
Theorem lenkte den Blick auf den kindlichen Spracherwerb:
Robin Allott Er scheint das verkannten Genie unter den Sprachursprungsforschern zu sein, denn bei der "Viererbande" (Bickerton; Calvin; Deacon; Pinker) taucht er noch nicht einmal im Literaturverzeichnis auf. Dabei ist Allott ein seriöser Forscher, der mit seiner "Motor Theory of Language" Anfang der 70er Jahre einer der ersten ernstzunehmenden Sprachursprungsforscher war. Suitbert Ertel Der Göttinger Psychologieprofessor mit Schwerpunkt Statistik hat durch seine Habilitationsschrift "Psychophonetik" (1969) die Grundlage dafür gelegt, daß man heutzutage ungestraft behaupten kann, daß ein innerer Zusammenhang zwischen Wortklang und -bedeutung bestehe. Die meisten Linguisten sträuben sich freilich noch immer gegen die Anerkenntnis dieses Sachverhalts. Ertel konnte durch die Befragung statistisch relevanter Gruppen von Sprechern aller möglicher Sprachen nachweisen, daß ein universeller Trend für den Einsatz bestimmter Sprachlaute für bestimmte Konzepte besteht. So wird z.B. der Laut S von Sprechern der verschiedensten Sprachfamilien als der "dynamischste" Sprachlaut empfunden, M dagegen als der undynamischste. In der unveröffentlichten Arbeit "Sinnvolle Artikulation" (1972) hat Ertel darüber hinaus in einem genialen Ansatz die phonetische Umsetzung konkreter Konzepte in 37 Sprachen untersucht. Wird z.B. das Konzept KLOPFEN überwiegend mit plosiven (P/T/K) oder mit frikativen (F/S/CH) Konsonanten realisiert? Ertels Ergebnis: Mit plosiven - natürlich, möchte man sagen. HUSCHEN wiederum ist ein Gegenbeispiel, bei dem, über alle untersuchten Sprachen betrachtet, das frikative Element überwiegt... Demnächst folgt hier eine Sonderseite zur Psychophonetik. Primatenforscher Um 1970 Durchbruch, als es gelang, Menschenaffen den Umgang mit Sprachsymbolen beizubringen, seien dies
Diese hartnäckige, skeptische Wissenschaftlerin schaffte den Durchbruch in der Schimpansensprachforschung, nachdem diese nach ersten glänzenden Erfolgen in den 70er Jahren um 1980 in fatalen Mißkredit geraten war: Sue Savage erkannte den himmelweiten Unterschied zwischen Fordern (was bisher von den Affen verlangt wurde) und Benennen, was einen völlig neuen geistigen Schritt von den Tieren verlangte: Es gelang ihr, ihre beiden Versuchsschimpansen dahingehend zu leiten, daß diese in Kommunikation miteinander traten: Wörter wurden von Aufforderungssignalen zum Erhalt eines bestimmten Futters zu geistigen Stellvertretern für dieses, unabhängig davon, ob es physisch präsent war. Einzelheiten Gleichzeitig begann Ihre Arbeit mit KANZI, einem "Zwergschimpansen"
(Bonobo). Diese Unterart scheint in vieler Hinsicht viel menschenähnlicher
zu sein als der gewöhnliche Schimpanse. wird
fortgesetzt
|