Um
die soziale Einstellung des Firmenchefs Max Wolf zu verstehen, muss
man wissen, dass er, wie auch sein jüngerer Bruder Arnold,
in der Weimarer Republik mit sozialistischen Ideen in Berührung
gekommen ist. Max und Arnold Wolf gehörten dem Internationalen
Jugend-Bund an, einer Organisation, die links von der SPD im Spektrum
der Arbeiterbewegung agierte. Für die Sozialdemokratische Partei
waren die jungen Leute aus dem Internationalen Jugend-Bund, dem
IJB, lästige Parteigenossen, von denen sie immer wieder an
ihre eigenen, aber schon in Vergessenheit geratenen sozialistischen
Ziele erinnert wurden. Die SPD entledigte sich schließlich
1925 ihrer linken Kritiker durch einen Unvereinbarkeitsbeschluss.
Nun gründete sich aus dem IJB heraus unter Führung
des Göttinger Philosophen, Mathematikers und Politikers Professor
Leonard
Nelson eine neue Partei: der Internationale
Sozialistische Kampf-Bund, kurz ISK genannt.
Der ISK wollte die Welt verändern. Er wollte
mutige und prinzipientreue Menschen heranbilden, wollte sie zu ernsthaften
Sozialisten erziehen und eine Brücke zwischen den beiden Arbeiterparteien
- der SPD und der KPD - in der Weimarer Republik schlagen.
Der Internationale Sozialistische Kampf-Bund verpflichtete
seine Mitglieder zu besonderer Lebensführung: Einhaltung vegetarischer
Lebensweise in Achtung vor dem Lebensrecht der Tiere, Austritt aus
der Kirche, da ihre Glaubenslehre die Menschen entmündige,
Abstinenz von Alkohol, dessen Genuss den Vernunftgebrauch einschränke
und Abgabe einer rigorosen "Parteisteuer". Der ISK legte keinen
Wert auf große Mitgliederzahlen; eine straff geführte,
gut geschulte sozialistische Elite war ihm wichtiger.
Nach Schätzungen soll er in Deutschland etwa
300 Mitglieder und ein Umfeld von 1000 Sympathisanten gehabt haben,
gab eine eigene Zeitung heraus und war hauptsächlich in Deutschland
und England vertreten.
Eines der wichtigsten Projekte, die Max Wolf im Rahmen
des ISK mit großem Engagement unterstützte und förderte,
war das Landeserziehungsheim Walkemühle bei Melsungen, eine
linke Reformschule mit Internatscharakter. Der Dreiturmchef Max
Wolf verstand sich als Sozialist. Er wollte seinen Reichtum für
sinnvolle Aufgaben verwenden. Er gehörte zu den wenigen Wohlhabenden,
deren vorrangiges Ziel nicht Profitmaximierung war, sondern Veränderung
der gesellschaftlichen Verhältnisse: Abschaffung des Elends,
der Massenarbeitslosigkeit und der damit einhergehenden Verrohung
und Verdummung der Menschen. Für dieses Ziel arbeitete und
kämpfte er, dafür gab er große Summen seines Geldes
aus, dafür wurde er letztlich ins Gefängnis gebracht und
aus Deutschland vertrieben.
In den unruhigen Jahren zwischen 1918 und 1933 wurde
die Dreiturm-Seifenfabrik in Schlüchtern
und später in Steinau ein Auffangbecken für Sozialisten
aller Schattierungen. Arbeitslose Gewerkschafter, gefeuerte kommunistische
Arbeiter, leitende ISK-Mitglieder, sozialdemokratische Familienväter
- alle fanden Brot und Arbeit in dem vorbildlich geführten Werk;
ein Umstand, der wenige Jahre später dazu führt, dass die
örtlichen Nationalsozialisten die Dreiturm als "rote Hochburg"
unerbittlich verfolgen.
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Copyright © Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 20.11.2001 um 00:00:32 Uhr
Erscheinungsdatum 20.11.2001