Zur Tausendjahrfeier Schlüchterns hielt Prof. Ernst Metzner am 11. Juni 1993 einen fulminanten Vortrag in der
Stadthalle,
in welchem er mit spekulativen Thesen die an Heimatgeschichte
interessierten Bürger zum Nachdenken und Weiterforschen anregen wollte.
Hier die Zusammenfassung meiner Notizen:
In der klimabegünstigten Lage
des Schlüchterner Beckens dürften schon früh Menschen gesiedelt haben, die vom Maintal
50 km entlang der Kinzig gezogen waren und sich in der von drei Gebirgen
geschützten Talbucht nierderließen.
Erstmals namhaft wird Schlüchtern
in einer Urkunde aus dem Jahr 993. Mit
neuer Methode und Neubewertung mancher Dokumente versuchte
Metzner, die Geschichte der Siedlung weiter zurückzuverfolgen, als bis
dato und Licht ins Dunkel des Namensinns zu bringen.
Grundlage sind die Forschungen
von M. Nistahl zur Ortsnamenskunde (1986).
Erste gesicherte Erwähnung ist
eine echte Urkunde Kaiser Otto III. vom 12.12.993, in welcher eine
- zwischenzeitlich bestrittene - Schenkung Pippins des Kurzen (fränkischer
König 751-768) an Würzburg endgültig bestätigt
wird. In dieser Urkunde taucht erstmals der Name Slu(o)hterin auf.
Indirekt wird hier also die Existenz
einer Siedlung um 750 bestätigt.
Der Würzburger Bischof hatte Otto
III. zum Nachweis seiner Ansprüche im Jahre 993 zwei Urkunden
vorgelegt (neben Pippin`s noch eine von Karl dem Großen), aus
denen hervorging, daß der Ort auf Bitten des Bonifatius an Würzburg
übergeben worden sei.
Die Forschung nahm bisher an, beide
Urkunden seien gefälscht (Schlüchtern findet sich z.B. nicht
unter den Klostergründungen vor Karl dem Großen aufgeführt).
"Man kann das aber auch anzweifeln", so Metzner.
Eine bestimmte Aussage in der Pippinschen
Urkunde läßt nämlich gewisse Schlüsse zu, die
den Verdacht nähren, daß diese früheste Urkunde vielleicht
doch echt sein könnte, was neues Licht auf die Gründung
des Klosters werfen würde (Einzelheiten Nistahl
74).
Geschichtlicher Hintergrund
751 wird Pippin erster Karolinger auf
dem fränkischen Königsthron. Da waren Gratifikationen fällig,
vor allem an Burkhardt, den Bischof des knapp 10 Jahre zuvor gegründeten
Bistums Würzburg.
Metzners These:
Was Otto III. mit den beiden Urkunden
vorgespielt wurde, war keine plumpe, sondern vielmehr eine höchst
raffinierte Machenschaft:
Es wurden nicht einfach zwei Falsifikate
präsentiert, sondern eine ältere, echte Urkunde sowie eine
neuere, aber gefälschte (die von Karl d.G., der ohnehin viel
beurkundet hatte), in der schlechte Vertragsbedingungen der älteren
Urkunde schlicht nachgebessert wurden: Aus ursprünglischem ^Niesbrauch
(nur für Lebzeiten; es kommen hier auch Fragen nach persönlicher
Besitzübertragung oder aber ans Bistum auf) wurde so ein dauerhafter
Besitz.
Die Schenkung eines kleinen Klosters
Sluohterin als Dank an Burkhardt ist also in den Jahren 751 bis 754
durchaus denkbar (Burkhardt stirbt 754 (#); wie übrigens auch
Bonifatius).
Klosterüberlieferungssagen gibt
es für Schlüchtern nicht so recht. Erst Abt Ulrich überliefert
1166 eine solche: Das Kloster sei von Pippin, Karl und Burkhardt gegründet
worden.
Archäologischer Befund:
Weil man an eine spätere Gründung
glaubte, hat man einen interessanten baugeschichtlichen Zusammenhang
immer heruntergespielt: Die Ähnlichkeit der Schlüchterner
Krypta mit der von Petersberg (um 780).
Prof. Kiesow, oberster hessischer Denkmalpfleger
a.D.: Mit Petersberg ist auch die Krypta in Michelbach-Steinbach verwandt,
aber, die Krypta in Schlüchtern ist älter wie
alt?. Kiesow bringt sie Petersberg/Schlüchtern
mit der Krypta von Hexham in Northumberland in Verbindung (Burkhardt
war Angelsache, hat also vielleicht den Bau in Schlüchtern ins
Rollen gebracht).
Zur Namensüberlieferung:
Es sind zwei Formen der Namensüberlieferung
denkbar, die Metzner aus Slouhterin nach den Regeln des Sprachwandels
rekonstruierte:
Sculturbura:
diese weniger sichere (man findet kaum
sonst wo Anklänge) Ahnenreihe würde fußen auf den
beiden *althochdeutschen Wörtern
Scultur "Schulter" (hier i.S.v. Bergschulter)
und
bura - beuren ("weltliche Siedlung")
Sicher bedenkenswert ist die These,
der Ortsname (der dann schon vor der Klostergründung bestanden
haben könnte) habe eine solche Siedlung am "Landrücken"
bezeichnen können.
Sluthiwarim:
zur Begründung dieser von ihm favorisierten
Form weist Metzner darauf hin, daß kein Deuter bisher mit dem
Umlaut in Schlüchtern fertig geworden ist. Er ist lautgesetzlich
nämlich nur zu erklären, wenn einmal unmittelbar nach der
1. Silbe ein i gestanden hat, das aber ums Jahr 1000 verschwunden
sein muß. Aus dieser Überlegung kommt Metzner zu den Namenswurzeln
gotisch Sluhti "Schlachten, Schlacht"
und
* althochdeutsch warim "Bewahrer, Vereherer",
einem Suffix, ^das auch in Bajuwaren,
Awaren und anderen Stammesnamen auftaucht.
Der Name unseres Ortes würde daher
unrsprünglich so viel bedeutet haben wie
"Wo das Andenken einer Schlacht
bewahrt wird".
Es war durchaus geläufiger Brauch,
vor allem an Orten, wo gegen Heiden gekämpft worden war, ein
Kloster zu gründen (Walstatt in ^Schlesien; Battle Abbey in Hastings).
Welche Schlacht könnte das gewesen
sein? Sie muß in den Jahrzehnten vor 750 stattgefunden haben,
weil sie zwischen heidnischen und christlichen Germanen geschlagen
worden sein muß, und vor ca. 700 gab es keine Christen in der
Gegend.
Metzner kommt zu einer interessanten
Verbindung zur Frankfurter Gründungssage. Voraussetzung ist die
Annahme, daß bei der Sage "Als König Karl von den Sachsen
geschlagen, floh und zum Main kam ..." (Gebrüder Grimm) nicht
Karl der Große sondern sein Großvater Karl Martell gemeint
ist. Dann könnte man an den 1. Sachsenkrieg denken und darüber
spekulieren, daß Karl 718 in Hessen geblieben sei, in der Gegend
von Schlüchtern geschlagen wurde und durchs Kinzigtal an den
Main floh. ###
Auch wenn ein Moment des Unwahrscheinlichen
in der These mitschwingt, so gibt es doch Nachrichten, die bisher
nicht überprüft werden konnten:
- Aussage des Abtes Ulrich, der 1166
von der Gründung des Klosters spricht (s.o.) und darin eine
Feier erwähnt "Wegen der Reliquien der vielen Märtyrer
und Heiligen, die es hier gibt" - von denen wir aber nichts wissen.
Dieser Feiertag hatte kein fixes Datum, sondern war beweglich: am
2. Dienstag nach Pfingsten.
Das muß ein sehr altes Fest gewesen sein, denn bewegliche
Daten gab es nur in der Zeit der Mündlichkeit, für die
Zeit der Schriftlichkeit "ganz unmöglich".
- Mitte des 15. Jh. erfahren wir vom
Bau der Huttenkapelle: Warum weiß man nicht, welchem Heiligen
sie geweiht ist? Wurde gebaut "über dem toten Gebein". Das
wurde interpretiert als "über dem Friedhof", was aber ungewöhnlich
wäre. Scheint eher etwas über bestimmte Gebeine auszusagen
(?).
Wenn diese Mutmaßungen der neuesten
Forschung sich bewahrheiten sollten, dann stünden Schlüchtern
im Jahre 2001 erneute Jubelfeiern ins Haus: Statt einer "unechten"
1.000- könnte man eine echte 1.250-Jahrfeier begehen!
Nachtrag: Im Jahre 2001 krähte kein Schlüchterner Hahn mehr danach.
Literatur
Nistahl, Matthias: Studien
zur Geschichte des Klosters Schlüchtern im Mittelalter; 1986
(Quellen der Forschung zur Hessischen Geschichte, Bd. 65).
Kiesow, Gottfried: Romanik
in Hessen; Stuttgart 1984 (Theiss).
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