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Der Bergwinkel

Stefan Etzel
15.7.08
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Gründung der Bonifatiuszeit?



Zur Tausendjahrfeier Schlüchterns hielt Prof. Ernst Metzner am 11. Juni 1993 einen fulminanten Vortrag in der Stadthalle, in welchem er mit spekulativen Thesen die an Heimatgeschichte interessierten Bürger zum Nachdenken und Weiterforschen anregen wollte. Hier die Zusammenfassung meiner Notizen: 

In der klimabegünstigten Lage des Schlüchterner Beckens dürften schon früh Menschen gesiedelt haben, die vom Maintal 50 km entlang der Kinzig gezogen waren und sich in der von drei Gebirgen geschützten Talbucht nierderließen.  


Erstmals namhaft wird Schlüchtern in einer Urkunde aus dem Jahr 993.   

Mit neuer Methode und Neubewertung mancher Dokumente versuchte Metzner, die Geschichte der Siedlung weiter zurückzuverfolgen, als bis dato und Licht ins Dunkel des Namensinns zu bringen.  

Grundlage sind die Forschungen von M. Nistahl zur Ortsnamenskunde (1986). 
 

Erste gesicherte Erwähnung ist eine echte Urkunde Kaiser Otto III. vom 12.12.993, in welcher eine - zwischenzeitlich bestrittene - Schenkung Pippins des Kurzen (fränkischer König 751-768) an Würzburg endgültig bestätigt wird. In dieser Urkunde taucht erstmals der Name Slu(o)hterin auf.  

Indirekt wird hier also die Existenz einer Siedlung um 750 bestätigt.  

Der Würzburger Bischof hatte Otto III. zum Nachweis seiner Ansprüche im Jahre 993 zwei Urkunden vorgelegt (neben Pippin`s noch eine von Karl dem Großen), aus denen hervorging, daß der Ort auf Bitten des Bonifatius an Würzburg übergeben worden sei.  

Die Forschung nahm bisher an, beide Urkunden seien gefälscht (Schlüchtern findet sich z.B. nicht unter den Klostergründungen vor Karl dem Großen aufgeführt). "Man kann das aber auch anzweifeln", so Metzner.   

Eine bestimmte Aussage in der Pippinschen Urkunde läßt nämlich gewisse Schlüsse zu, die den Verdacht nähren, daß diese früheste Urkunde vielleicht doch echt sein könnte, was neues Licht auf die Gründung des Klosters werfen würde (Einzelheiten Nistahl 74).  

 

Geschichtlicher Hintergrund  

751 wird Pippin erster Karolinger auf dem fränkischen Königsthron. Da waren Gratifikationen fällig, vor allem an Burkhardt, den Bischof des knapp 10 Jahre zuvor gegründeten Bistums Würzburg. 
 
Metzners These: 
Was Otto III. mit den beiden Urkunden vorgespielt wurde, war keine plumpe, sondern vielmehr eine höchst raffinierte Machenschaft:  

Es wurden nicht einfach zwei Falsifikate präsentiert, sondern eine ältere, echte Urkunde sowie eine neuere, aber gefälschte (die von Karl d.G., der ohnehin viel beurkundet hatte), in der schlechte Vertragsbedingungen der älteren Urkunde schlicht nachgebessert wurden: Aus ursprünglischem ^Niesbrauch (nur für Lebzeiten; es kommen hier auch Fragen nach persönlicher Besitzübertragung oder aber ans Bistum auf) wurde so ein dauerhafter Besitz.  
 
Die Schenkung eines kleinen Klosters Sluohterin als Dank an Burkhardt ist also in den Jahren 751 bis 754 durchaus denkbar (Burkhardt stirbt 754 (#); wie übrigens auch Bonifatius).  

Klosterüberlieferungssagen gibt es für Schlüchtern nicht so recht. Erst Abt Ulrich überliefert 1166 eine solche: Das Kloster sei von Pippin, Karl und Burkhardt gegründet worden.  
 

 

 Schlüchtern vom Neidhof aus betrachtet
 

Archäologischer Befund: 
Weil man an eine spätere Gründung glaubte, hat man einen interessanten baugeschichtlichen Zusammenhang immer heruntergespielt: Die Ähnlichkeit der Schlüchterner Krypta mit der von Petersberg (um 780).  

Prof. Kiesow, oberster hessischer Denkmalpfleger a.D.: Mit Petersberg ist auch die Krypta in Michelbach-Steinbach verwandt, aber, die Krypta in Schlüchtern ist älter wie alt?. Kiesow bringt sie Petersberg/Schlüchtern mit der Krypta von Hexham in Northumberland in Verbindung (Burkhardt war Angelsache, hat also vielleicht den Bau in Schlüchtern ins Rollen gebracht).  
 

Zur Namensüberlieferung: 
Es sind zwei Formen der Namensüberlieferung denkbar, die Metzner aus Slouhterin nach den Regeln des Sprachwandels rekonstruierte:  

Sculturbura:
diese weniger sichere (man findet kaum sonst wo Anklänge) Ahnenreihe würde fußen auf den beiden *althochdeutschen Wörtern  
Scultur "Schulter" (hier i.S.v. Bergschulter) und 
bura - beuren ("weltliche Siedlung") 

Sicher bedenkenswert ist die These, der Ortsname (der dann schon vor der Klostergründung bestanden haben könnte) habe eine solche Siedlung am "Landrücken" bezeichnen können.  
 
Sluthiwarim:
zur Begründung dieser von ihm favorisierten Form weist Metzner darauf hin, daß kein Deuter bisher mit dem Umlaut in Schlüchtern fertig geworden ist. Er ist lautgesetzlich nämlich nur zu erklären, wenn einmal unmittelbar nach der 1. Silbe ein i gestanden hat, das aber ums Jahr 1000 verschwunden sein muß. Aus dieser Überlegung kommt Metzner zu den Namenswurzeln 

gotisch Sluhti "Schlachten, Schlacht" und 
* althochdeutsch warim "Bewahrer, Vereherer", 
einem Suffix, ^das auch in Bajuwaren, Awaren und anderen Stammesnamen auftaucht. 

Der Name unseres Ortes würde daher unrsprünglich so viel bedeutet haben wie 

"Wo das Andenken einer Schlacht bewahrt wird".  

Es war durchaus geläufiger Brauch, vor allem an Orten, wo gegen Heiden gekämpft worden war, ein Kloster zu gründen (Walstatt in ^Schlesien; Battle Abbey in Hastings).  
 
Welche Schlacht könnte das gewesen sein? Sie muß in den Jahrzehnten vor 750 stattgefunden haben, weil sie zwischen heidnischen und christlichen Germanen geschlagen worden sein muß, und vor ca. 700 gab es keine Christen in der Gegend.  

Metzner kommt zu einer interessanten Verbindung zur Frankfurter Gründungssage. Voraussetzung ist die Annahme, daß bei der Sage "Als König Karl von den Sachsen geschlagen, floh und zum Main kam ..." (Gebrüder Grimm) nicht Karl der Große sondern sein Großvater Karl Martell gemeint ist. Dann könnte man an den 1. Sachsenkrieg denken und darüber spekulieren, daß Karl 718 in Hessen geblieben sei, in der Gegend von Schlüchtern geschlagen wurde und durchs Kinzigtal an den Main floh.  ###

Auch wenn ein Moment des Unwahrscheinlichen in der These mitschwingt, so gibt es doch Nachrichten, die bisher nicht überprüft werden konnten:  
 

  1. Aussage des Abtes Ulrich, der 1166 von der Gründung des Klosters spricht (s.o.) und darin eine Feier erwähnt "Wegen der Reliquien der vielen Märtyrer und Heiligen, die es hier gibt" - von denen wir aber nichts wissen. Dieser Feiertag hatte kein fixes Datum, sondern war beweglich: am 2. Dienstag nach Pfingsten. 

    Das muß ein sehr altes Fest gewesen sein, denn bewegliche Daten gab es nur in der Zeit der Mündlichkeit, für die Zeit der Schriftlichkeit "ganz unmöglich". 
  2. Mitte des 15. Jh. erfahren wir vom Bau der Huttenkapelle: Warum weiß man nicht, welchem Heiligen sie geweiht ist? Wurde gebaut "über dem toten Gebein". Das wurde interpretiert als "über dem Friedhof", was aber ungewöhnlich wäre. Scheint eher etwas über bestimmte Gebeine auszusagen (?).  

Wenn diese Mutmaßungen der neuesten Forschung sich bewahrheiten sollten, dann stünden Schlüchtern im Jahre 2001 erneute Jubelfeiern ins Haus: Statt einer "unechten" 1.000- könnte man eine echte 1.250-Jahrfeier begehen!   

Nachtrag: Im Jahre 2001 krähte kein Schlüchterner Hahn mehr danach. 

Literatur 
Nistahl, Matthias: Studien zur Geschichte des Klosters Schlüchtern im Mittelalter; 1986 (Quellen der Forschung zur Hessischen Geschichte, Bd. 65). 

Kiesow, Gottfried: Romanik in Hessen; Stuttgart 1984 (Theiss).  


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