Diese Seite ist der Erklärungsteil meiner Rennsteig-Seite,
von wo aus sie am besten zu genießen ist.
Ältester mit einer Jahreszahl versehener Stein am Rennsteig. Das "1483" (mit alter Schreibweise der 4) ist zwar kaum noch zu entziffern, wohl aber der kunstvoll eingemeißelte Name "Balthasar Rodecher". Darunter erzählt ein Reliefbild offenbar von einem Jagdunfall, bei dem einer der beiden Jäger von einer Wildsau hops genommen worden ist. Zufällig ist 1483 auch das Geburtsjahr Luthers, der 1521 nach seiner vorgetäuschten Gefangennahme wahrscheinlich auf dem landgräflichen Kurierpfad zur Wartburg gebracht wurde, der hier an der Wilden Sau vom Rennsteig abzweigt (vgl. Wanderung 10). Wenn Sie hinter den Sitzbänken ins Freie hinaus treten, ist die alte Landgrafenfeste übrigens zu sehen!
Berühmt
ist die Hohe Sonne für ihre Blickschneise zur Wartburg
In alten Zeiten war diese Paßhöhe als "Hohes Kreuz"
bekannt, wo die alte Weinstraße (Wanderung 11) vom vorausliegenden Rennsteig
nach Eisenach abbog. Der heutige Name rührt von einem hier 1747 erbauten
Jagdschlößchen her, an dessen Turm eine vergoldete Sonne prangte.
Der 1906 errichtete Nachfolgebau im Stil der Goethezeit hatte bis zur "Wende"
jenes Verfallsstadium erreicht, wie es zwischen Rügen und Rennsteig zu
den charakteristischen Errungenschaft des real existierenden Sozialismus gehörte.
Unter kapitalistischen Auspizien sollen jetzt ein Lokal und Wandererunterkünfte
entstehen, das Schlößchen könnte ein mondänes Hotel werden.
Dreiherrnstein auf dem Großen Weißenberg
(740 m; Waldschänke bis 18 Uhr; Mo./Di.
geschl.). Hier traf mit Kurhessen eine dritte Herrschaft auf die Grenzlinie
zwischen Sachsen-Gotha und Sachsen-Meiningen, welcher der Rennsteig hier auf
den Gipfel des Inselsberges folgt.
Dem eher unscheinbaren Stein widerfuhr aufgrund seiner der Reichseinigungssehnsucht
entsprungenen Symbolkraft Verklärung im Reich der mittelmäßigen
Künste. Der Thüringer Komponist Ludwig Böhner (1787-1860) hatte
ihm eine Oper gewidmet, berühmt in ganz Deutschland wurde er dann durch
Scheffels Rennsteiggedicht von 1863, acht Jahre vor der Reichsgründung,
in dem es heißt:
Und als wir kamen zum Dreiherrensteine,
briet schon am Spieß das Reh, das wir erlegt,
am Steintisch ward im traulichen Vereine
im Namen der drei Herrn des Mahls gepflegt ...
und zum Abschluß, als Schlußbild der Rennsteigsymbolik:
Ein Deutschland nährt den Thüring,
Hessen, Franken,
und echter Liebe setzt kein Markstein Schranken!"
1913, zum 50. Jahrestag der patriotischen
Verse wurde vor der 1911 errichteten Waldschänke das Scheffeldenkmal enthüllt,
ein wuchtiger Findling mit Reliefbild des volkstümlichen Barden. Ironischerweise
wanderte später Walter Ulbricht gerne hier hinauf, wenn er in Bad Liebenstein
kurte - was der Waldschänke übrigens ihre frühe Elektrifizierung
schenkte.
Sein Name geht wohl auf den an der Nordseite
entspringenden Bach Emse zurück, da schriftliche Zeugnisse 1330 Emmiseberg,
1378 Enseberg, 1505 Enselsberg und 1528 schließlich erstmals Inselsberg
nennen.
Der ehemalige Vulkan wird wegen seiner weithin sichtbaren, markanten
Gestalt in "Insellage" oft irrtümlich als höchster Berg des Thüringer
Waldes angesehen, rangiert mit 916 m aber nur auf dem siebten Platz. Wegen der
guten Aussicht und Zugänglichkeit ist der "Thüringer Rigi" freilich
der meistbesuchte Gipfel des ganzen Gebirges. Schon 1649 ließ Herzog Ernst
der Fromme hier ein achteckiges Jagdhaus mit kleinem Saal im Obergeschoß
errichten, das erst 1836 einem Unwetter zum Opfer fiel. Goethe hatte noch 1784
in dem "Salon" genächtigt, als er auf einer seiner "Mineralogischen Wanderungen"
den Inselsberg besuchte, von dem er am anderen Morgen den Kampf der Sonne gegen
die Wolken beobachtete. Als Wetterprophet galt der Berg im Umkreis, wovon noch
jene Bauernregel zeugt, von deren Gültigkeit Sie sich selbst ein Bild machen
können: "Trägt der Inselsberg einen Hut, so wird das Wetter gut; steckt
er in einer Mützen, so gibt es nasse Pfützen".
Schon Mitte letzten Jahrhunderts war der Ausflugstourismus auf
den Inselsberg so stark, daß sich zwei Gasthöfe auf dem Gipfel etabliert
hatten - einer auf gothaischer und einer auf hessischer Seite der Grenze, die
der Rennsteig mitten über den Berg zog. Der mit allen Tricks ausgetragene
Wettbewerb der beiden tief verfeindeten Betriebe - jeder mit eigenem Aussichtsturm
- gehörte lange zum Bild des Inselsberges, auf dem schon 1889 automatische
"Chokoladenspeier" standen! Verkaufsbuden und fliegende Photographenzelte rundeten
das Bild ab, das Rennsteigvater Trinius
gern "mit kräftigen Besenstrichen" vom Rennsteig gefegt hätte. Heute
käme noch die "Thermosflasche" hinzu, der alte UKW-Turm von 1939 und der
127-m-TV-Turm von 1975. Zwischen den Nachfolgebauten der beiden Gasthöfe
steht übrigens - man mag es kaum glauben - das alte Wartburggasthaus! 1911
war es zerlegt und hier oben wieder aufgebaut worden, als Platz für das
heutige Wartburghotel geschafft werden sollte. In DDR-Zeiten Jugendherberge,
lädt es jetzt als "Ski- und Bergwanderhaus" zu preiswerter Übernachtung
ein.
Rondell
Auf der Paßhöhe zwischen
Oberhof und Zella-Mehlis erinnert ein Obelisk im Rondell an den von Preußen
hier auf dem Boden befreundeter Kleinstaaten finanzierten Chausseebau von 1830-32,
der - in der Entstehungszeit des Zollvereins - als Symbol des noch vor der politischen
Einigung zur Wirtschaftsgemeinschaft zusammenwachsenden Deutschland gefeiert
wurde. Biedermeierlich spricht uns aus dem Distichon am Fuße des Monuments
(oben die Wappen von Sachsen, Henneberg und Preußen) der Fortschrittsglaube
jener Zeit an:
Heil dem schaffenden Sinn, der zum
freundlichen Garten die Wildnis umschuf
und der Natur Schrecken in
Lieblichkeit kehrt!
Zum Glück haben Sie bereits eine Lücke
im Autoverkehr über den Oberhofpaß gefunden, um diese Zeilen auf
dem Obelisken lesen zu können, der Weg zum Bratwurststand ist jetzt nur
noch ein Katzensprung.
Leiter des damaligen Straßenbaus war Julius
von Plänckner, der im Zuge der landvermesserischen Vorbereitung des
Projekts auf den Rennsteig aufmerksam wurde und ihn 1830 erstmals mit genauer
Wegführung beschrieb.
Der Rennsteiggarten wurde 1970-76 in dem
Steinbruch angelegt, aus dem seinerzeit der Schotter für die Paßstraße
kam. Über 4000 Gebirgspflanzen wurden in über 40.000 Werkstunden "von
tausenden Werktätigen" auf dem 7 ha großen Gelände angesiedelt
Mit 973 m höchster Punkt der
Rennsteigwanderung.
Die Gedenktafel wurde 1898 vom Rennsteigverein zum 40. Todestag
des Ahnherrn gestiftet - als dessen Vorname fälschlich Justus statt Julius
eingraviert wurde, was vor der Einweihungsfeier niemandem rechtzeitig auffiel...
Die Aussicht wurde wieder etwas frei gehauen, ist aber noch besser,
wenn man ein paar Meter höher steigt: Tief unten liegt der Suhler Vorort
Goldlauter, überragt vom Ringberg, den das ehemalige FDGB-Ferienheim und
heutige Hotel wie eine Burg krönt. Das kurze Stück bis zum flachen
Gipfel des Großen Beerberges zu laufen (982 m, höchste Höhe
des Thüringer Waldes, 9 m höher als Plänckners Aussicht), lohnt
nicht, da keine Aussicht besteht und außerdem das NSG Beerbergmoor nicht
betreten werden darf.
Exakt 100 Rennsteig-km liegen noch vor uns, wenn wir den Abstieg
zur Schmücke beginnen!
Die Schmücke "schmiegt" sich (daher der Name) als große Bergwiese an den Paßsattel, auf dem sich schon vor langer Zeit mehrere Gebirgsübergänge kreuzten. Ursprünglich wurde hier oben Pferdezucht betrieben, seit 1812 besteht eine Schankwirtschaft, die Mitte letzten Jahrhunderts zum Gasthof ausgebaut wurde, als der Fremdenverkehr zunahm. Berühmt wurde die Schmücke durch ihren damaligen Wirt, den "dicken Joel", einen handfesten Spaßvogel, von dem noch heute zahlreiche Anekdoten kursieren. In den 20er und 30er Jahren dieses Jahrhunderts entwickelte sich die Schmücke zum Ausflugsziel der Oberhofer Schickeria, war in der DDR-Ära Ferienheim und sucht nun ihren Platz in der Freizeitgesellschaft des kommenden Jahrhunderts.
Großer Dreiherrnstein
uff´m Pfnusche
Ältester Wappengrenzstein auf dem Rennsteig
(1596), der zufällig exakt die Mitte der Rennsteigwanderung markiert (84
km).
Eine der ersten Amtshandlungen des zu Pfingsten gegründeten
Rennsteig-vereins war im August 1896 die 300-Jahr-Feier des "Großen Dreiherrensteins".
Trotz schlechten Wetters strömten rund dreieinhalbtausend Thüringer
"Uffm Pfnusche" zusammen, wie die feuchte Wiese hier oben hieß. Wege und
Stege waren von Fußgängern, Reitern, geschmückten Fuhrwerken
und Equipagen belebt und "in langen Zügen schossen Radler vorüber."
Vereine marschierten mit verhüllten Fahnen und "Musikbanden rollten auf
Leiterwagen unter schmetternden Ländlern zum Festplatze hin", über
dem der Duft von Rostbratwürsten lag, während Schaukeln, Karussels
und Schießbuden allmählich den Betrieb aufnahmen. Höhepunkt
war das gemeinsame Anstimmen von: "Heute tönen uns're Lieder zu Alldeutschlands
Ruhm und Ehr' ... Uns durchglühet eine Flamme: Hoch das deutsche Vaterland!"
Es war das Jahr der ersten modernen Olympiade, der Entdeckung der radioaktiven
Uranstrahlung durch Bequerel, des Erscheinens von Herzels "Der Judenstaat".
Die z.T. nur noch schwer entzifferbaren Aufschriften des Dreiherrensteins
lauten: Auf der Westeseite außer der Jahres-zahl 1596 das zerstörte
Wappen der einstigen Grafschaft Henneberg (die Henne), darüber KP für
Königreich Preußen als neuen Besitzer; auf der Südwestseite
die sächsische Raute; im Süden ursprünglich Schwarzburger Gabeln
+ FSS + XX. Wir haben hier nicht nur die exakte Mitte der Rennsteigwanderung
er-reicht, sondern auch die ungefähre Grenze zwischen Thüringer Wald
und Thüringer Schiefergebirge, was im Kammbereich wegen einer Zunge rotliegenden
Gesteins aber erst hinter Masserberg richtig deutlich wird.
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