die von der Werra bis zur Saale rennt und Recht und Sitte, Wildbann und Gejaide der Thüringer von dem der Franken trennt. Du sprichts mit Fug, steigst Du auf jenem Raine: Hie rechts, hie links! Hie Deutschlands Süd, dort Nord ... Wenn hie der Schnee schmilzt, strömt sein Guß zum Maine, was dort zu Tal träuft, rinnt zur Elbe fort. Doch aus das Leben weiß den Pfad zu finden, was Menschen trennt, das muß sie auch verbinden. (Viktor von Scheffel 1863) Rennsteig-Geschichte aus: Thüringer
Wald von Stefan Etzel
Jahrzehntelang war der Rennsteig nicht nur vielbegangener und -besungener Wanderweg auf den Höhen des Thüringer Waldes, sondern auch ein Sinnbild deutscher Geschichte. Als er am 28. April 1990 nach 45jähriger Unterbrechung wieder auf seinen gesamten 168 km eröffnet wurde, schien seine alte Grenz- und Einheitssymbolik noch einmal auf. In der alten BRD war der Höhenweg über den Thüringer Wald freilich nur noch der älteren Generation ein Begriff, denn bis auf 13 km hatte er zur DDR gehört, die ihrerseits einen um weitere 40 km gekappten 115-km-Torso pflegte, da beide Enden des Rennsteigs im grenznahen Sperrgebiet verliefen. Der Rennsteig wurde deshalb ein so populärer
Wanderweg des Deutschen Reiches, weil er auf einer der wichtigsten natürlichen,
kulturellen und politischen Barrieren Deutschlands verlief, was ihn geradezu
zum Reichseinigungssymbol prädestinierte. Daß den Höhenweg
zwischen Werra und Saale eine Galerie "ehrwürdiger Grenzaltertümer"
säumte, trug in der Kaiser-Wilhelm-Zeit viel zu seiner Faszination
bei.
Kein Wunder, daß sich das Bildungsbürgertum auf den Rennsteig stürzte. "Ein deutscher Bergpfad ist´s, die Städte flieht er!" rief Viktor von Scheffel - just als der Siegeszug der Eisenbahn dies massenhaft zu ermöglichen begann. Bis dahin viele Tagesreisen entfernte Landstriche waren mit einmal in wenigen Stunden erreichbar. Das Wanderfieber brach aus im Deutschen Reich, Vereine wurden gegründet und Aussichtstürme errichtet, die vorzugsweise auf "Bismarck" oder "Kaiser Wilhelm" getauft wurden. Daß der Rennsteig bald einen Ehrenplatz unter den deutschen Wanderwegen einnahm, lag vor allem daran, daß er nicht nur eine landschaftlich reizvolle Route zu bedeutenden Zielen, sondern mit seiner Galerie von über 1300 Grenzsteinen aus dem 16. bis 18. Jahrhundert selbst Sehenswürdigkeit ersten Ranges war, ein "Museum deutscher Kleinstaaterei" gewissermaßen, das gerade in der Reichsseinigungsepoche einen hohen Symbolwert hatte. Kein anderer Wanderweg des Deutschen Reiches führte durch so viele Grenzgebiete von so vielen Herrschaften wie der Rennsteig, der auf einer Nahtstelle der wie keine andere Region Deutschlands zersplitterten Thüringer Staatenwelt verlief. Im 19. Jahrhundert lernte man bei einer Wanderung auf dem 168 km langen Rennsteig ein Dutzend verschiedener Herren Länder kennen, wobei der Kammweg auf knapp der Hälfte der Strecke, nämlich auf 73 km, selbst Grenze war und auf den restlichen 95 km wechselnde Landeszipfel durchschnitt. Daß er in seinem Ursprung ein Grenzweg gewesen sei, war daher eine Vermutung der frühen Rennsteigforschung, die den Namen des Weges von "Rain" im Sinne von "Grenze" ableitete. Genauere etymologische Untersuchungen des späteren Rennstigvereinsgründers Dr. Hertel ergaben dann aber schon 1893 die auch für Nichtphilologen naheliegende Herkunft von "rennen; rinnen": Der Rennsteig mußte also eine "schnelle Gebirgsroute für Läufer und Reiter" gewesen sein. Das hatte schon 1649 Veit Ludwig von Seckendorf gesagt, der den Kammweg als "Bahn, die man von Rennen nennt" erklärte - ein Urteil, dem auch die heutige Sprachwissenschaft wenig hinzuzufügen hat. Mit der Überwindung der "Grenzweg"- durch die "Eilboten- und Kurierpfad"-Theorie wurde der Blick für jene über 200 anderen Rennwege oder -steige geschärft, die nach und nach im gesamten deutschen Sprachraum entdeckt wurden. Gemeinsam ist ihnen, daß sie auf Höhen oder an Bergflanken entlang verlaufen und unter Vermeidung sumpfiger Niederungen ein rasches Vorwärtskommen erlauben, ohne typischerweise Grenzwege zu sein. "Rennsteig" war also nicht Eigenname, sondern Gattungsbegriff, was die Einzigartigkeit des Thüringer Rennsteigs jedoch nur unwesentlich schmälert, weil er aufgrund von Länge, historischer Bedeutung und Zahl der Grenzaltertümer unangefochtener König der Rennsteige blieb. Ein einheitliches Gebilde in seiner heutigen
Ausdehnung, wie man leicht geneigt ist zu vermuten, war jedoch gerade der
Rennsteig wohl nie - eigentlich ist er das erst durch die Wanderbewegung
geworden. In alten Grenzbeschreibungen läßt sich verfolgen,
wie sich die Bezeichnung "Rynnestig" (erstmals 1330) u.ä. zwischen
dem 14. und 17. Jahrhundert aus dem Inselsberggebiet (2. Tag der Rennsteigwanderung)
bis in die Gegend von Neuhaus (7. Tag) ausbreitete.
Da der Thüringer Wald wie ein Riegel quer zu den natürlichen Verkehrsströmen lag, die sich in Gestalt bedeutender Handelsstraßen Weg über die Hauptpässe gebahnt hatten, erlangte der Rennsteig jedoch nie die Funktion einer Verkehrsader, selbst dort nicht, wo er befahrbar war. Als Verbindung zwischen manchen Pässen bot sich der Kammweg hier und da an, aber nicht als durchgehende Route. Ausnahme war das Ostende des Rennsteigs, wo er als alte Handelsroute aus Böhmen an der Kalten Küche auf die das Gebirge kreuzende Straße Nürnberg - Leipzig trifft. Gerade hier war er jedoch im Volksmund nie unter dem Namen Rennsteig bekannt, sondern als "Scheideweg" oder "Hohe Straße" u.a. Als einheitliches Gebilde tritt der Rennsteig
eigentlich erst nach dem Dreißigjährigen Krieg auf, allerdings
weniger als Faktum denn als Projekt: Angesichts erneuter Bedrohung durch
die schon seit 1529 auf Wien zielenden Türken ließ Herzog Ernst
der Fromme in den Jahren 1649 bis 1666 den über längere Abschnitte
als Rennsteig gekannten Kammweg mit Billigung der betroffenen Landesherren
auf gesamter Länge erforschen, vermessen und kartieren, um notfalls
rasche Truppenbewegungen im Schutz des Waldes ausführen zu können.
Sein Landesherr wollte den militärischen Schleichweg und Beschreibung seiner Landesgrenzen jedoch nicht so genau bekannt werden lassen und verhinderte den Druck der Junckerschen Handschrift, die erst später von der Rennsteigforschung wiederentdeckt wurde. Das führte dazu, daß "touristischer" und "Junckerscher" Rennsteig am Ost- und Westende des Kammweges nicht identisch sind. Weiter: Geschichte der Rennsteig-Touristik. |
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