aus: Thüringer
Wald von Stefan Etzel
Erstmals in einem Reiseführer erwähnt
wurde der Rennsteig 1807, erstmals aufgrund eigener Erkundung beschrieben
1830 von Julius von Plänckner, der in seinem
Büchlein "Der Thüringer Wald" den genauen Wegverlauf einer fünftägigen
Rennsteigwanderung von Blankenstein an der Saale nach Hörschel an
der Werra angibt. Diese beiden Endpunkte stimmten nicht mit der Junckerschen
Beschreibung überein - die Plänckner nicht kannte -, setzten
sich aber für den "touristischen" Rennsteig durch. Vor allem dessen
werraseitiges Ende weicht auf den erst 21 km erheblich vom Junckerschen
Rennsteig ab, erscheint aber vor Ort zumindest heute natürlicher.
1832 wurde der "Pläncknersche Rennsteig" durch das Errscheinen der
ersten Rennsteigkarte gewissermaßen zementiert, 1836 wurde erstmals
die Wanderung in der Verlaufsrichtung Hörschel - Blankenstein beschreiben,
die sich nun für über ein halbes Jahrhundert einbürgern
sollte.
Der Aufbruch des breiteren Wanderpublikums
erfolgte eine Generation später, nachdem 1890 Trinius´
launiges Rennsteigbuch erschienen war. In einer Zeit, in der wagemutige
Männer ferne Kolonien eroberten, Nansen Südgrönland auf
Skiern durchquerte und Karl May an seinem "Winnetou" schrieb, wird die
Rennsteigwanderung als Aventure auch für Normalverbraucher dargestellt.
Rennsteigverein & Pfingst-Runst Schon bald bildeten sich im Rennsteigverein gewisse Sprach- und Wandergebräuche heraus, durch welche sich die "Renner" von gewöhnlichen Wandervöglen unterschieden. So bereicherte man den deutschen Wortschatz zur Bezeichnung der Rennsteigwanderung um die Neubildung "Runst", die nach dem Muster kennen - Kunst, brennen - Brunst von Rennen abgeleitet ist. Statt Kassen- heißt es "Säckelwart", der Vereinsvorsitzende ist der "Fürsteher", gesellige Zusammenkünfte heißen "Sippung", Mahlzeiten "Atzung". Und während sich bei den anderen Wanderbünden der Gruß "Frisch auf!" durchsetzte, grüßen sich die Renner mit "Gut Runst!". Am wundersamsten aber erscheint das Ritual,
mit welchem die Rennsteigwanderung gewissermaßen als Einweihungsweg
zelebriert wurde. Die offizielle sechstägige Runst fand - und findet
seit 1991 wieder - alljährlich zu Pfingsten statt und führte
die Jungrenner unter verschiedentlichem Absingen des "Runst-Gesangs" in
den Bund der Altrenner ein, was mit dem "Ritterschlag" gegen Ende der Wanderung
am Kurfürstenstein bekräftigt wurde. Jeder erhielt im Verlauf
der Runst einen Wandernamen wie "Rheingraf", "Walküre", "Glückspilz"
u.ä., mit dem er oder sie fortan auf dem Rennsteig gerufen wurde.
Über Berufe zu reden war tabu. In seiner "Zauberhaften Rennsteigfahrt"
beschreibt Julius Kober, Fürsteher von 1937 bis 1970, eine von Hörschel
ausgehende Pfingstrunst:
Rennsteigwimpel und Wanderstöcke
werden nun in die Fluten der Werra getaucht, und die Jungrenner und Jungrennerinnen,
die zum erstenmal den Gesamtrennsteig erwandern wollen, nehmen ein Steinchen
von den Ufern der Werra mit, um es sechs Tage lang über die Berge
und durch die Wälder zu tragen umd am Ende der Wanderung damit die
Saale zu grüßen".
Mit der ersten Nachkriegsrunst 1991 wurde begonnen, das alte Brauchtum wiederzubeleben. Neu hinzugekommen war aus der DDR-Ära das 1951 entstandene "Rennsteiglied", das als immergrüner Volksmusikschlager allen Thüringern geläufig ist: "Ich wandre ja so gerne am Rennsteig durch das Land". Der Refrain "Bin ich weit in der Welt, habe ich Verlangen, Thüringer Wald nur nach dir" klang angesichts der beschnittenen Reisemöglichkeiten wohl auch ein bißchen ironisch. Die klassische Runst ist in 6 Tagesetappen
eingeteilt. Gegenüber dieser im Schnitt 28 km/Tag-Wanderung habe ich
in meinem Buch Thüringer Wald
eine gemütlichere 9-Tage-Version vorgeschlagen, die durchschnittlich
knapp 17 km pro Tag vorsieht.
|