Der Stadtwald als Spiegel der Vergangenheit
Wer hätte das gedacht: Der Stadtwald ist nicht nur Naherholungsziel
und fast 5.000 Hektar große grüne Lunge der Metropole - zwischen
den paarhunderttausend Bäumen finden sich auch erstaunliche Zeugen
der Vergangenheit! Vom eiszeitlichen Mainbett über bronzezeitliche
und römische Siedlungsspuren bis zur mittelalterlichen Waldweide
reicht der Bogen der "Exponate" in diesem grünen Freilichtmuseum,
der durch Schmankerl aus der jüngeren Geschichte noch abgerundet
wird.
| Start
& Ziel: |
Eiserner Steg
(Mainufer Frankfurt-Sachsenhausen) |
| Streckenlänge: |
29 km |
| Streckencharakter: |
fast eben; meist
gut trassierte Waldwege |
| Sehenswürdigkeiten: |
Stadtwald:
eiszeitlicher Prallhang des Mains; römisches Brunnengrab; Schäfersteine;
Schwanheim: Heimatmuseum; Stadtwerke-Verkehrsmuseum;
Kobelt-Ruhe; Schwanheimer Alteichen; Schwanheimer Dünen; |
| Einkehrmöglichkeiten:
|
Schwanheim: "Frankfurter
Hof" ("Seppche") |
Goldstein-Siedlung
Von der erhobenen Warte der Main-Brücke bemerkt man
noch nicht unbedingt den besonderen Charakter der Siedlung, achten
Sie aber mal um die Morgenzeile Nr. 15 auf die schlichten Häuschen
mit einseitigem Schrägdach: Das sind noch typische Goldstein-Häuser,
deren Grundform sich über die Jahrzehnte hin weitgehend erhalten
hat. Was es damit auf sich hat?
Die Goldstein-Siedlung entstand aus einem seinerzeit
beispielhaften Projekt ,,Zur Milderung der Arbeitslosigkeit durch
Errichtung von Kleinsiedlerstellen". Dafür hatte die Stadt Frankfurt
1932 Reichsmittel erhalten und stellte das freie Gelände zwischen
Niederrad und dem vier Jahre zuvor eingemeindeten Schwanheim zur
Verfügung. Hinzu kamen Baumaterial und standardisierte Pläne für
einfache Häuschen ohne Unterkellerung und Wasseranschluß. Hiermit
ausgerüstet sowie der Bereitschaft zu drei- bis viertausend Arbeitsstunden
Eigenleistung - nach heutiger Rechnung ca. 2 Arbeitsjahre - kamen
hier um die 400 arbeitslose Siedler mit ihren Familien zu einem
bescheidenen Eigenheim im Grünen. Längst gibt es das Wasser natürlich
nicht mehr vom Straßenhydranten, wie in der Pionierzeit.
Heute erkennt man meist nur noch bei genauerem Hinschauen
die schlichte Urzelle der einzelnen Siedlungshäuser, die durch An-
und Umbauten im Lauf der Jahrzehnte dem Standard der Wohlstandsgesellschaft
angeglichen wurden.
Der Name der Siedlung geht auf eine im 13. Jh. erstmals
erwähnte Wasserburg zurück, die sich im Besitz des Frankfurter Patriziergeschlechts
zum Goldstein befand, aber bereits 1552 zerstört wurde. Ein Hofgut
mit ausgedehnten Ländereien bestand weiter und nahm im 19. Jahrhundert
noch einmal beachtlichen Aufschwung, bis der Bauboom nach dem 2.
Weltkrieg die landwirtschaftliche Nutzung des Bodens vergleichsweise
unrentabel machte. 1976 wurde schließlich der größte Teil des Hofgutes
Goldstein abgerissen und an seiner Stelle eine Alten-Wohnanlage
errichtet. Lediglich das um 1860 erbaute spätklassizistische Herrenhaus
wurde unter Denkmalschutz gestellt und erhielt nach umfassender
Renovierung seine heutige Funktion als beliebter Senioren-Treffpunkt.
Hölle über dem Wartweg und Hügelgräber
Seit alters heißt diese Stelle Hölle bzw. Helle in Schwanheimer
Mundart. Die Sprachforschung kennt zwei Erklärungen für diesen Namen,
die beide vor Ort ihre Bestätigung finden würden: Aus zwei gleichlautenden
indogermanischen Wortwurzeln entwickelte sich einerseits die Bedeutungssippe
,,neigen", andererseits Wörter der Richtung ,,verhüllen, verbergen".
In ersterer findet sich in landschaftlichem Sprachgebrauch verschiedentlich
Hölle i.S.v. ,,Halde, Steilhang", in der zweitgenannten Bedeutungsgruppe
taucht das uns bekannte Wort auf, das seine heutige Bedeutung ,,Ort
der Verdammnis" erst im Zuge der Christianisierung erhielt, in altgermanischer
Zeit aber ganz allgemein das ,,Totenreich" bezeichnete (auch personifiziert
in Gestalt der Totengöttin Hel oder Holle).
Während nüchterner Forschergeist es mit guten Gründen vorzieht,
die Namenserklärung an der Geländegestalt festzumachen, weisen romantischere
Naturen auf die nahegelegenen Hügelgräber hin, mit 67 Hügeln das
größte derartige Gräberfeld im Stadtwald.
370 Hügelgräber sind in einem Dutzend Gruppen im Stadtwald noch
nachweisbar, vom Zahn der Zeit freilich zu sanftem Profil abgeflacht.
Sie stammen zumeist aus der älteren Eisenzeit (700-450 v. Chr.;
Hallstattkultur) und ziehen sich in fast regelmäßigen Abständen
von ca. 1,5 km entlang der Südkante des Maintals hin, wo ein frühgeschichtlicher
Fernweg verlief, der spätere Bischofsweg. Die eisenzeitlichen Friedhöfe
lagen mit Vorliebe an kleinen Taleinschnitten, wo Querwege von der
Siedlungsterrasse in die Niederungen des Hinterlandes abzweigten.

Steilhang
Es war nicht allein der eiszeitliche FluBlauf, der hier
gearbeitet hat - wir befinden uns ja seit der ,,Hölle" auf der alten
Uferterrasse des Mains - vielmehr blicken wir in das Ergebnis jenes
gewaltigen Aushubs, der das Fundament abgab für ein uns allen wohlbekanntes
Geleise: den Frankfurter Hauptbahnhof! 1881 wurde damit begonnen,
Kies und Sand hier abzubauen, um damit das ehemalige "Galgenfeld"
aufzuschütten, wo der neue Zentralbahnhof entstehen sollte. Der Geländeschnitt
begünstigte bis in unsere Tage das Auffinden steinzeitlicher Gerätschaften,
die zum Großteil im Schwanheimer Heimatmuseum ausgestellt sind (s.
u.).

Riedwiese und altes Mainbett
,,Ei, da schau einer an": Hier also floß einst der Urmain,
ein gewaltiger Strom, gegen den der heutige Fluß wie ein Bächlein
anmuten würde! Vor 100.000 Jahren wälzten sich hier die Fluten abschmelzender
Gletscher gen Westen und schoben vom vereisten Spessart und Odenwald
gewaltige Buntsandsteinmassen vor sich her - aus denen sich die Kelsterbacher
Terrasse bildete, auf der Sie zuvor geradelt sind. In deren Böschung
finden sich kubikmetergroße Felsblöcke, deren Kanten nicht rundgeschliffen
sondern bloß leicht angekratzt sind: Indiz dafür, daß sie in mächtigen
Eisschollen ein- und angefroren die Reise hierher machten. Im Hof
des Museums ist ein solcher Findling zu sehen. Die Riedwiese grünt
übrigens - wie auch die nahen Schwanheimer Wiesen und der sie umgebende
Wald - auf Böden, die der Main vor etwa 6.000-10.000 Jahren ablagerte,
fruchtbare Auelehme, die darauf hindeuten, daß der Strom mittlerweile
in ruhigeres Fahrwasser geraten war: Vor etwa 20.000 Jahren hat er
sich sein heutiges Bett gegraben, nachdem die eiszeitlichen Gletscher
weitgehend abgeschmolzen waren

Brunnengrab
So unscheinbar der Brunnen jetzt auch wirkt, so entpuppte
er sich bei seiner Aushebung im Mai 1973 doch als seltener Fund: ein
Brunnengrab. Eingebettet in eine gesonderte Steinlage fanden die Forscher
in 1,50 m Tiefe ein menschliches Skelett. Über dieser Grab-schicht
befand sich Erdreich mit vereinzelten Steinen und Dachschieferfragmenten,
darunter eine über 1 m dicke Konzentration von Dachschiefer. In dieser
Füllung fanden sich außerdem Keramik, Leder-, Eisen-, Glasreste, eine
Tonplatte mit dem Stempel der 22. Legion (Mainz) und die in zwei Teile
zerbrochene Skulptur eines Stieres. Aus dieser Fundanordnung - einen
Querschnitt durch den Schacht und weitere Erläuterungen finden Sie
im Schwanheimer Museum - läßt sich schließen, daß die Wasserstelle
schon in römischer Zeit ausgetrocknet gewesen sein muß und als Mülldeponie
benutzt wurde. Die große Dachschiefermenge wird dahingehend gedeutet,
daß nach den ersten Alamanneneinfällen die römischen Siedler zurückkehrten
und das teilweise zerstörte Landgut wieder aufbauten. In diese Zeit
muß auch der Tod jenes Menschen gefallen sein, dessen Skelett zwischen
zwei Steinlagen gefunden wurde. Anthropologische Untersuchungen ergaben,
daß es sich dabei wahrscheinlich um einen Sklaven gehandelt hat, einen
etwa zwanzigjährigen Mann aus dem östlichen Mittelmeerraum, der während
seiner Jugend schwerste körperliche Arbeit hatte verrichten müssen
und an den Folgen eines Schwerthiebs gegen das linke Stirnbein gestorben
war.

Kobelt-Ruhe
Ein Findling erinnert an den Schwanheimer Arzt, Naturwissenschaftler
und Heimatforscher Dr. Wilhelm Kobelt (1840-1916) und seine Frau.
Kobelt erforschte nicht nur die Spuren der Vergangenheit in der Schwanheimer
Umgebung, sondern hatte die Gemeinde auch dazu bewogen, gemäß einer
populären Idee der Zeit, hier eine ,,Walderholungsstätte" einzurichten.
Mit offener Halle, Sitzbänken und Liegestühlen war sie bis nach dem
1. Weltkrieg ein beliebter Treffpunkt der Schwanheimer. Ein Pumpbrunnen
spendete Wasser, Blumenbeete blühten und die Skatfreunde hatten ihren
eigenen Bezirk.

Schwanheimer Alteichen
Diese sind schon lange ein fester Begriff und zogen
speziell Maler des letzten Jahrhunderts an; am bekanntesten sind zwei
Zeichnungen Ludwig Richters. Die typisch gedrungene Gestalt der Eichen
entstand dadurch, daß sie als Hut- (von ,,hüten") und Fruchtbäume
im lichten Wald standen, was das Dickenwachstum auf Kosten der Höhe
förderte.

Schwanheimer Dünen
Vor rund 100.000 Jahren schüttete der Ur-Main die Kelsterbacher
Terrasse auf. Erst 50.000 Jahre später schnitt er sich dann in seine
ehemaligen Ablagerungen ein. Winderosion blies daraufhin die Terrassensedimente
aus und türmte sie zu Dünen auf, deren beiden größten Pfingstberg
und Tannenkopf sind. Der Name Pfingstberg rührt daher, daß früher
die Schwanheimer Turn- und Gesangvereine am Pfingstmontag mit ihren
Familien hier ihren "Wäldchestag" feierten (während die Frankfurter
Bürger ihn bis heute am Pfingstdienstag begehen).

Die Schäfersteine
Auf der Vorderseite ist das etwas verwitterte Kreuz
des Deutschen Ordens zu erkennen, der im Mittelalter einen Stützpunkt
am Sachsenhäuser Mainufer unterhielt und größter Grundbesitzer im
reichsstädtischen Gebiet war. Die Rückseite zeigt ein spiegelverkehrtes
altes F das für Frankfurt steht. Im Jahre 1484 endete durch Vergleich
ein hundertjähriger Rechtsstreit des Ritterordens mit der Stadt Frankfurt
um Weiderechte im Stadtwald, den diese 1372 von Kaiser Karl IV als
Lehen erworben hatte. Gegen Zahlung einer erklecklichen Summe erhielt
die Stadt das Recht, in einem bestimmten Teil des Waldes ihre Schafe
zu weiden, die damals als Grundlage der Tuchproduktion von erheblicher
wirtschaftlicher Bedeutung waren. Zur Begrenzung des annähernd ovalen
Weidegebietes wurden 60 durch einen Graben verbundene Grenzsteine
aus Basalt gesetzt. Zum Frankfurter Weidegebiet zeigte das Deutschordenskreuz,
zum Ordensgebiet das verkehrte F. 49 dieser Steine stehen heute noch
und sind durch einen Wanderweg erschlossen, auf dessen Ende Sie hier
gestoßen sind. Das spiegelverkehrte F wurde lange als ,,das Frankfurter
gotische F" bezeichnet. Heute nimmt man an, daß ein Versehen des Lesens
unkundiger Steinmetze vorliegt, die die F-Schablone verkehrt aufgelegt
hätten...
