Zum Wetterauer Tintenfaß
Das mittlere Wettertal zwischen Münzenberg und Lich
ist eine alte Kulturlandschaft, die das Bild der Wetterau wesentlich
mitprägte. Man glaubt förmlich, durch eine provinzielle Miniatur jener
bedeutenden mittelalterlichen "Zivilisationschienen" zu radeln, wie
sie uns z.B. von der Weser zwischen Münden und Hameln her bekannt
sind. Burg Münzenberg, wegen ihrer charakteristischen Gestalt das
"Wetterauer Tintenfaß" genannt, Kloster Arnsburg mit seiner eindrucksvollen
Kirchenruine, die Fachwerkherrlichkeit von Lich: Der ersteTeil (oder
Tag) der Tour ist solchen Sehenswürdigkeiten gewidmet, der zweite
Badefreuden und flottem Heimradeln.
| Start
& Ziel: |
Friedberg (S 6) |
| Streckenlänge: |
76 km |
| Streckencharakter: |
überwiegend auf
asphaltierten oder gut trassierten Wirtschafts- und Forstwegen,
10 km öffentliche Straßen, zwei leichte Anstiege |
| Sehenswürdigkeiten: |
Burg Münzenberg;
Kloster Arnsburg; Lich; Badesee Trais-Horloff |
| Einkehrmöglichkeiten:
|
außerhalb
der Ortschaften: Kloster Arnsburg; Badesee Trais-Horloff |
,,Die bedeutendste aus dem hohen Mittelalter erhaltene
Burganlage neben der Wartburg, durch Unberührtheit noch vor ihr ausgezeichnet
und künstlerisch mindestens ebenbürtig" (Dehio). Der Laie mag dennoch
bedauern, nicht durch eine von der Denkmal-,,Pflege" des 19. Jh. in
dem damals so beliebten ,,kühnen Wurf" erstellte Rekonstruktion wandeln
zu dürfen. Er kann aber angesichts des verhältnismäßig guten Erhaltungsg
rad es von Ruine und Ringmauer trotzdem ein recht anschauliches Bild
dieser bedeutendsten Ministerialenburg des Hochmittelalters gewinnen,
also des Wohnsitzes eines der führenden Mitarbeiter des Kaisers. Nicht
Bares, sondern die auf seinen Hängen reichlich wachsende Minze gab
diesem Berg einst seinen Namen, der bis 1151 im Besitz des Klosters
Fulda war. In jenem Jahre tauschte der 4 km nördlich auf seiner Burg
sitzende Ministeriale Konrad von Arnsburg den Minzenberg von den Fuldaern
ein, um darauf mit Reichshilfe eine große Burg zu errichten. Nach
seinem baldigen Tod setzte sein Sohn Kuno den Bau fort und nannte
sich nach seinem Umzug hierher ,,von Minzenberg". Er wurde Reichskämmerer
und engster Vertrauter Kaiser Barbarossas, dessen Finanzminister er
war - der Lautwandel zu Münzenberg hat damit freilich nichts zu tun...
Als ,,Wetterauer Tintenfaß" bezeichnet der Volksmund die Burg wegen
ihrer doppeltürmigen Gestalt, die an das Schreibutensil früherer Tage
mit je einer Flasche schwarzer und roter Tinte erinnert. Der ältere
Ostturm kann bestiegen werden und bietet eine herrliche Rundumsicht.
Öffnungszeiten: tägl. außer Mo. 10-12/13-17 Uhr (1.11.-31.3. bis 16
Uhr); letzter Einlaß: eine halbe Stunde vor Schließung.
Website

Der oben erwähnte Kuno von Minzenberg siedelte im Jahre
1174 Zisterzienser aus Eberbach (Rheingau) in unmittelbarer Nähe zum
Stammsitz seiner Vorfahren an. Gemäß ihrem Prinzip der Ansiedlung
in Tälern bauten die Mönche ihre Klosterkirche in die Flußschleife
hier unten im lieblichen Wettergrund, zu der sich nach und nach auch
die anderen Bauten einer klösterlichen Ansiedlung gesellten.
Die wegen ihrer Kutte so genannten ,,weißen Mönche"
strebten die direkte Verwirklichung des geistigen Ziels an. Daher
die Einfachheit ihrer Liturgie und die Schlichtheit ihrer Kirchen,
die - an entlegenen Orten - nur aus nacktem Stein, ohne Turm, Bilder
und sonstiges Schmuckwerk errichtet werden durften. Barocke Prachtentfaltung,
wie Sie uns hier in den Anbauten begegnet, entstammt einer späteren
Epoche, als die ursprünglichen Ziele des einstigen Reformordens bereits
in den Hintergrund gerückt waren.
Einher mit dem asketischen Grundansatz der Zisterzienser
ging die Betonung von Gottesdienst und Wissenschaft (Mönche) sowie
kollektiver Arbeit (Laienbrüder), was die großen Leistungen des Ordens
auf dem Gebiet der Landkultivierung erklärt und die bedeutende Rolle,
die er bei der Kolonisierung des Ostens spielte. Auch in die Wetterau
brachten die weißen Mönche edle Getreide- und Obstsorten und errichteten
große Wirtschaftshöfe, die z.T heute noch existieren. An zwei von
ihnen werden Sie im weiteren Verlauf der Tour vorbeikommen.
Nur als gewaltig kann der Eindruck bezeichnet werden,
der von der Ruine der ehemaligen Klosterkirche ausgeht (durch den
Bursenbau zugänglich), einer der bedeutendsten Schöpfungen des romanisch-frühgotischen
Baustils - die nach Auflösung des Klosters 1812 zum Abriß freigegeben
worden war! Frühe denkmalpflegerische Einsicht hat dann noch das Schlimmste
verhütet. Aus der Kirche gelangt man über die Freitreppe in das Dormitonum,
den Schlafsaal der Mönche, einen eindrucksvollen mittelalterlichen
Raum mit 16 Kreuzgratgewölben, der deutlich an das Dormitonum des
Mutterklosters Eberbach erinnert. Im früheren Kreuzgang befindet sich
ein 1960 angelegter Kriegsopferfriedhof, auf dem erstmals neben deutschen
Soldaten auch Kriegsgefangene, Fremdarbeiter und SS-Opfer gemeinsam
bestattet wurden.
Website

Lich
Die Fachwerkherrlichkeit eines ländlich geprägten Residenzstädtchens
tritt uns in der Licher Altstadt als fast geschlossenes Bild entgegen.
Lassen Sie sich von der Stadtverwaltung (siehe Kurzinformation) vorab
den kostenlosen, 16-seitigen Führer zuschicken, der Sie auf einem
Rundgang durch die Stadt leitet und alles Wissenswerte erklärt (Führung
durch die Marienstiftskirche: Tel. 06404-2590).

Trais-Horloffer Badesee
Seit Ende des 19. Jahrhunderts bis 1950 wurde in der
Gemarkung Braunkohle abgebaut, zunächst unter, später über Tage, wodurch
dieses große Baggerloch entstand. Das füllte sich mit Wasser und fertig
war der größte See Oberhessens, der sich zu einem beliebten Naherholungsgebiet
mit Wassersportmöglichkeiten und schönem Strandbad entwickelte. Insider
sprechen übrigens vom ,,Inheidener See", weil der Badebetrieb mehr
auf diesen Ort hin ausgerichtet ist als auf Trais-Horloff.

Hofgut Wickstadt
Das von einer trutzigen Mauer umgürtete Gut gehörte
bis zur Säkularisierung 1803 dem Kloster Arnsburg (s. Tour 12) und
ist ein vorzügliches Beispiel einer Domänenanlage aus der Zeit kirchlichen
Großagrariertums. Die heutige Bausubstanz gibt im Wesentlichen den
Stand des 18. Jh. wieder. Das Herrenhaus präsentiert sich als rustikales
Barockschlößchen, zu dem gut das Pfarrkirchlein St. Nikolaus paßt.
Ältestes Bauwerk ist der "Pfortenturm" aus dem Anfang des 15. Jh.,
der älteste und zugleich besterhaltene Wehrspeicher Hessens!

