Schildkröten- & Adelsbad
Nobel, nobel, kann man da nur sagen angesichts von opulentem
Grafenschloß in Manier der Sonnenkönige und einem Adelsbad aus dem
18. Jh., den Hauptzielen dieser Tour. Während aber die Hanauer Grafen
längst ausgestorben sind, könnte es die Sumpfschildkröte vielleicht
gerade noch so schaffen, deren letzten hessischen Lebensraum wir im
Enkheimer Ried kennenlernen, wo heute opulente Sandbänke zum Sonnenbaden
und für die Eiablage einer bedrohten Art angelegt werden, die es sich
dort fürstlich wohlergehen lassen kann, weil Gevatter Mensch ihnen
hier ein tierisches - "Kurbad" spendiert.
| Start
& Ziel: |
U-Bahn-Station
Eissporthalle (U 7) |
| Streckenlänge: |
33 km |
| Streckencharakter: |
fast ebene Strecke
auf sehr guten Wegen; neben öffentlichen Straßen fast immer Radweg
|
| Sehenswürdigkeiten: |
Philippsruh; Wilhelmsbad;
Hochstadt; Enkheimer Ried |
| Einkehrmöglichkeiten:
|
Dörnigheim; Philippsruh;
Wilhelmsbad; Hochstadt; Bischofsheim; Frankfurt |
Schloß Philippsruhe
Nur 2 km vom alten Stadtschloß entfernt, legte Graf
Philipp Reinhard 1701 hier am Mainufer den Grundstein für diese opulente
Sommerresidenz, eine der frühesten deutschen Nachahmungen des Versailler
Schloßschemas: hufeisenförmiger Ehrenhof vor dem Haupteingang
mit daran anschließenden langen Seitenflügeln. Trotz Umbauten der
Bismarckzeit, die das Schloß etwas gedrungener, trutziger wirken lassen,
ist die Grundanlage noch gut erkennbar.
Das gilt nicht mehr für den Park, der ursprünglich
ebenfalls in französischem Stil mit klarer symmetrischer Gliederung
angelegt war. Sie sehen davon noch etwas an der mainseitigen Allee,
gleich wenn Sie in den Park rollen. Auch das Rund des Mittelteichs
blieb erhalten. Um diesen aber wurde dem romantischen Geschmack des
19. Jahrhunderts entsprechend, eine sanfte Hügellandschaft aufgeschüttet
und mit Bäumen bepflanzt: Der englische Park war in Mode gekommen
und brach in seiner vorgespiegelten Naturhaftigkeit radikal mit den
,,absolutistischen" Linien des französichen Parks - die bürgerliche
Revolution hinterließ offenbar auch im Adelsgeschmack ihre Spuren...
Im Historischen Museum Hanau in den Räumen des Schlosses zeigt ein alter Stich die frühere Parkanlage.
Außerdem: historische Räume mit niederländischer Malerei des 17. Jh.
und Beispielen Hanauer Silberschmiedekunst. Ein Zimmer erinnert an
die in Hanau geborenen Gebrüder Grimm.
Im
gemütlichen Museumscafe kann man sich überdies von Kaffee und Kuchen
in jene träumerisch-heroische Stimmung von Belle Epoque und Kaiserzeit
versetzen lassen, die neugierig macht auf das kleine, exquisite Papiertheater-Museum,
das einen bleibenden Eindruck von einer typischen Form bürgerlicher
Familienunterhaltung weit vor der Fernseh-Ära vermittelt, als man
Klassiker und Stücke der Saison auf der Wohnzimmertisch-Bühne zur
Aufführung brachte...

Wilhelmsbad
Dieses verträumte Juwel am Rande des industriellen Ballungsraumes
ist das am authentischsten erhaltene Beispiel einer Kurbadanlage des
18. Jh. in Deutschland. Seine Blüte lag in den wenigen Jahren zwischen
Französischer Revolution und deutschen Befreiungskriegen, um 1820
schon wurde der Kurbetrieb eingestellt.
Die Gebäudeanlage des 1777-82 erbauten Adelsbades spiegelt
noch die Epoche des Absolutismus wider, während der Englische Park
schon ein Signum für dessen Endzeit ist: Keine strengen "absolutistischen"
Symmetrieachsen gehen von dem Gebäudekomplex in die Landschaft hinaus
- sozial spiegelte sich die neue Epoche darin, daß auch wohlhabende
Bürger zum fürstlichen Kurbetrieb zugelassen waren, Juden freilich
hatten ihren eigenen Bau...
Im ehemaligen Badehaus gegenüber dem Brunnentempel
befindet sich das ,,Kurhaus"-Restaurant, links daneben das Hauptgebäude,
der Arkadenbau, in welchem sich das Puppenmuseum mit
Exponaten aus der Zeit von 500 v. Chr. bis heute befindet. Weiter
links schließt sich der Fürstenbau an, dann die Stallungen,
zum Schluß der Judenbau (ganz rechts übrigens das Comödienhaus,
eine gut bespielte Bühne, als Tip für eine spätere Gelegenheit...).
Mit seinen künstlichen, historisch-sentimentale Stimmungen
weckenden Einbauten war Wilhelmsbad Vorstufe zur Parklandschaft auf
der Kasseler Wilhelmshöhe, die den gleichen Bauherrn hatte, Kurfürst
Wilhelm von Hessen-Kassel, der beiden Anlagen auch den Namen gab.
Die künstliche Burgruine
(1779-81) ist eines der frühesten kontinentalen Beispiele eines romantischen
Fürsten-Wohnsitzes nach englischem Vorbild. Sie wurde auf einer künstlichen
Insel erbaut und ist nach aufwendigen Restaurierungsarbeiten seit
1999 erstmals der Öffentlichkeit zugänglich. Führungen (1. April bis
31. Oktober): samstags 14, 15, 16 Uhr, sonntags 11, 12, 14, 15 und
16 Uhr.
Die Grabpyramide auf der benachbarten Insel
wurde nach einem Entwurf des Erbprinzen und späteren Landgrafen errichtet,
um die Urne mit dem Herzen seines früh verstorbenen Sohnes aufzunehmen.
Das
Karussell
besteht noch aus den ursprünglichen Figuren und wurde einst von einer
interessanten, in dem künstlichen Hügel verborgenen Mechanik betrieben
- die freilich früh versagte. Heute bemüht sich ein Verein um die
Erhaltung und womögliche Wiederinstandsetzung dieses Schmuckstücks.

Hochstadt
Neben dem "Stöffche", daß hier in ganz großem Stil gekeltert
wird, hat die Geschlossenheit des alten Ortsbildes Hochstadt berühmt
gemacht. Im Ortskern der Apfelweinhochburg überwiegen Fachwerkhäuser
aus dem 16.-18. Jh., häufig auf hohen Steinsockeln mit Freitreppen
gebaut. Der ovale Mauerring der Ortsbefestigung ist fast gänzlich
erhalten. Das Obertor stammt aus der Zeit um 1500. Daneben liegt die
Kirche in einem Wehrkirchhof mit kreisförmiger Ummauerung, an der
alte Reliefgrabplatten lehnen.

Enkheimer Ried
Wir befinden uns hier im Bereich eines verlandeten Altlaufs
des nacheiszeitlichen Maines, der am Berger Hang "abprallte". Das
Ried selbst mit seiner offenen Wasserfläche wurde freilich von Menschenhand
geschaffen, als hier in den Jahren 1829-64 Torf gestochen wurde, wodurch
Teiche entstanden. Diese wurden bis 1930 weiter genutzt - zum winterlichen
Abbau von Kellereis! Danach begann die Verlandung, bis 1960 durch
Ausbaggern wieder eine große Wasserfläche geschaffen wurde, um ein
Naturschutzgebiet eigens anzulegen. Heute bestimmt Schilfröhricht
das Bild, und das Ried ist zum idealen Brut- und Wohnort für zahlreiche
Vogelarten geworden.
Berühmteste
Bewohner sind aber Herrschaften von uraltem Adel - die Europäische
Sumpfschildkröte,
deren letzten hessischen Exemplare im NSG Enkheimer Ried überleben. So
dachte man jedenfalls bis vor kurzem. Inzwischen sind auch andernorts
Einzeltiere bzw. Kleinpopulationen gesichtet worden. Ein Artenschutzprojekt
hilft Hessens seltenstem Reptil, in der Unwirtlichkeit der modernen
Welt zu überleben. Hierzu gehört u.a., durch die Schaffung von
Sandbänken für die Eiablage sowie von Sonnenplätzen zum Aufwärmen der
wechselwarmen Tiere deren (Über-)Lebensbedingungen zu
verbessern mit dem Ziel, die Population(en) zu erhalten und zu
vergrößern.
