Wallfahrt in die Wetterau
Die Wetterau war seit eh und je ein fruchtbarer, gottgesegneter
Landstrich, in dem sich gut leben ließ. Das erkannten schon die Römer
und sicherten sich diese nördliche Kornkammer ihrer germanischen Provinzen
mit einem aufwendigen Limes-Schlenker. Spätere Jahrhunderte schufen
eine Kulturlandschaft, deren verschiedensten Zeugen wir auf dieser
Tour begegnen, deren Höhepunkt der "Dom der Wetterau" zu Ilbenstadt
ist.
| Start: |
Frankfurt Eckenheim/Preungesheim
- Gießener Straße (U 5) |
| Ziel: |
Okarben (S 6) |
| Streckenlänge: |
49 km |
| Streckencharakter: |
Meist gute Wege
abseits der Straßen ohne nennenswerte Steigungen |
| Sehenswürdigkeiten: |
Steinerner Tisch;
Schloß Naumburg; Maria Sternbach; Hofgut Wickstadt; Schloßpark
Assenheim; Ilbenstadt. |
| Einkehrmöglichkeiten:
|
außerhalb der Ortschaften:
Reiterhof Büdesheim; Café im Schloß Naumburg |
Freigericht
Unter vier alten Bäumen, bei denen die Linde als typischer
Versammlungsbaum nicht fehlen darf, steht ein steinerner Tisch, um
den sich auf drei Seiten eine Sitzbank zieht. An der freien Westseite
steht ein einzelner runder Steinsitz: Hier saß bis zu Beginn des 19.
Jahrhunderts alljährlich am Mittwoch nach Pfingsten der Friedberger
Burggraf als Gerichtsherr und auf der Bank die Schöffen der Grafschaft
Kaichen, einem selbstständigen "Freigericht" von 18 umliegenden Dörfern,
das seit 1376 der juristischen Schirmherrschaft der Burgmannen von
Friedberg unterstand.
Foto: Björn Appel

Schloß Naumburg
Das schlichte Schloß der Hessischen Landgrafen - 1750
als einfacher barocker Zweckbau auf der Spitze des Höhenrückens über
dem Krebsbachtal erbaut - ist heute Tagungs- und Begegnungsstätte
des Bundes Freikirchlicher Pfingstgemeinden mit schönem Park.
Da Besucher willkommen sind und das Café speziell an
Wochenenden meist geöffnet ist, finden Sie hier einen idealen Rastplatz,
wo Sie auch an Tischen draußen im Freien sitzen können.

Maria Sternbach
Das geheimnisumwobene Wallfahrtskirchlein ist eine der
ältesten Kirchen Hessens! Genauer gesagt, sie ist Nachfolgebau einer
der 778 erwähnten "Schottenkirchen" im Wetterau- und Vogelsberggebiet,
allesamt Gründungen der ersten Kulturbringer nach den Römern, schottischer
Mönche (s.a. den Ort Schotten).
Die Kirche, deren Langhaus noch aus dem 12. Jh. stammt,
gehörte zu dem im 16. Jh. untergegangenen Dorf Sternbach. Bis heute
finden jährliche Wallfahrten statt, daher der Freialtar mit dem Bild
von Mariä Verkündigung an der Außenwand, davor die Kanzel von 1901.

Hofgut Wickstadt
Das von einer trutzigen Mauer umgürtete Gut gehörte
bis zur Säkularisierung 1803 dem Kloster Arnsburg (s. Tour 12) und
ist ein vorzügliches Beispiel einer Domänenanlage aus der Zeit kirchlichen
Großagrariertums. Die heutige Bausubstanz gibt im Wesentlichen den
Stand des 18. Jh. wieder. Das Herrenhaus präsentiert sich als rustikales
Barockschlößchen, zu dem gut das Pfarrkirchlein St. Nikolaus paßt.
Ältestes Bauwerk ist der "Pfortenturm" aus dem Anfang des 15. Jh.,
der älteste und zugleich besterhaltene Wehrspeicher Hessens!

Schloßpark Assenheim
An Wohn- und Wirtschaftsgebäuden aus der Biedermeierzeit
vorbei radeln Sie in den schattigen Park, der um die Mitte des 19.
Jahrhunderts durch Heinrich Siesmeyer angelegt wurde, den meisten
Frankfurtern von der nach ihm benannten Straße im Westend bekannt.
Diese Ehre wurde ihm als Schöpfer der Parkanlagen des Palmengartens
(1872-74) zuteil. Auch der Bad Nauheimer Kurpark (1855/56) ist sein
Werk.
Außer dem Schloß von 1790 enthält der Park noch Reste
der alten Burg, im Geschmack des 19. Jahrhunderts als künstliche Ruine
erweitert.

Ilbenstadt
Alvi statio, "Station am Fluß" hieß das hier an einem
wichtigen Nidda-Übergang gelegene römische Staatsgut, auf welches
der heutige Ortsname zurückgeht. Ein Blick auf die vor Hochwasser
geschützte Lage am Rande der Ebene läßt weit, weit zurückreichende
Siedlungsgeschichte vermuten - und wenn man die Klosterkirche von
Westen aus so über den Niddaauen thronen sieht, fällt einem unwillkürlich
die Lage der Pyramiden am Rande des Niltals ein...
Zur Zeit Karls des Großen war Ilbenstadt Verwaltungszentrale
der karolingischen Königsgüter in der Wetterau und ging später an
eines der mächtigsten westfälischen Adelsgeschlechter über, die Cappenberger.
1121, in den Wirren des lnvestiturstreits, stellte sich Gottfried
von Cappenberg, ein naher Verwandter des Kaisers, auf die Seite der
Kaisergegner. Der Streit wurde zwar bald darauf friedlich beigelegt,
doch Gottfried reuten die Ausschreitungen seiner Soldaten so sehr,
daß er auf seinen Besitzungen (darunter Ilbenstadt) die ersten Prämonstratenserklöster
in Deutschland gründete und 1125 selbst - nebst widerstrebender Frau
Gemahlin - dem Orden beitrat. Nur zwei Jahre später starb der erst
30jährige hier in Ilbenstadt - knapp 500 Jahre später, 1615, wurde
er heilig gesprochen. Das Hochgrab im Chor der Klosterkirche birgt
seine Gebeine. Die Teufelsszene zu Füßen der Figur stellt eines der
Wunder dar, die sich nach dem Tode des hl. Gottfried ereignet haben
sollen.
Zur Feier der Heiligsprechung wurde das Dach der Klosterkirche
gegenüber der romanischen Anlage doppelt hoch und entsprechend steiler
gebaut und die beiden Türme erhielten die gekröpften Dachhelme, die
wie Landsknechtshüte auf den romanischen, ursprünglich flach gedeckten
Türmen sitzen. Vom Obertor aus können Sie sehr schön sehen, wie diese
Maßnahme das ursprüngliche Erscheinungsbild der Abteikirche verändert
hat. Das war nämlich von lombardischen Formen beeinflußt, strahlte
etwas vom Geist Norditaliens aus, was man heute noch sehen kann. Die
älteste Abbildung llbenstadts (1588) findet sich übrigens auf einem
Grabmal im nördlichen Seitenschiff.
Um 1500 war schon das Kircheninnere verändert worden:
Durch Einzug gotischer Gewölbe war die Decke niedriger und der Raum
dunkler geworden, weil eine obere Fensterreihe entfiel, die der romanischen
Halle Höhe und Helle geschenkt hatte. Vom Altar zum Eingang zurückschauend,
lassen sich sehr schön die drei Gestaltungsepochen erkennen: Das gotische
Kreuzrippengewölbe, die romanischen Pfeiler, an denen sich die Galerie
barocker Apostelfiguren entlangzieht und die Kanzel festgerankt hat.
Die Orgel rundet die barocke Innenausstattung ab.
